22.06.2014

Das perfekte Wirtschaftssystem?

Von
 

Wenn nicht die Philosophen in den Staaten Könige werden oder die Könige, wie sie heute heißen, und Herrscher echte und gute Philosophen und wenn nicht in eine Hand zusammenfallen politische Macht und Philosophie, gibt es […] kein Ende des Unheils für die Staaten, ja, nicht einmal im ganzen Menschengeschlecht. —Sokrates

Letztens habe ich einen Spruch gelesen, wo jemand fragte: Was ist das für eine Gesellschaft, die viel mehr in ihr Äußeres als in ihre Bildung investiert? Anders gefragt: Was ist das für eine Gesellschaft, die sich mehr über Konsum als über Bildung definiert?

Ganz einfach: Das ist systembedingt. Je weniger Bildung man hat, desto mehr Konsum braucht man, um sich zu definieren. Und um überhaupt auf die Frage zu kommen, ob dieses Maß an Konsum eigentlich noch sinnvoll ist und ob man sich darüber überhaupt definieren kann und sollte, benötigt es Bildung, mehr noch, Intelligenz.

Ich aber behaupte: Wir bekommen gerade nur so viel Bildung, wie wir brauchen, um in der Wirtschaft zu funktionieren. Das ist insbesondere dann richtig, wenn man betrachtet, dass wir schon in einem Alter – unter Androhung von Sanktionen – ins Bildungssystem gepresst werden, indem uns nach formeller Bildung noch gar kein Sinn steht. Das meiste geht also rein und fast sofort wieder raus, Vieles wohl noch nichtmal wirklich rein. Wir müssen auch gar nicht wissen, warum die Dinge so sind, wie sie sind, wir müssen nur auswendig lernen, dass sie so sind.

Und dann arbeiten wir anschließend den ganzen Tag für wenig Geld, so dass wir anschließend nicht mehr die Zeit und Muße haben für echte Bildung, wenn noch die ganze Hausarbeit ansteht und die aus Zeitmangel ohnehin minimale Beziehungspflege.

Die meisten Menschen können auch nicht einfach selbstbestimmt wesentlich weniger arbeiten, weil sie dann zu wenig Geld haben um sich einen minimalen Lebensstandard zu halten. Der Stundenlohn der meisten Menschen reicht einfach nicht aus, um zu sagen, dann arbeite ich eben ein oder zwei Tage weniger, und widme mich stattdessen Bildung und Gesellschaft. Wir sind also abhängig.

Wie könnte sich die Gesellschaft respektive die Weltbevölkerung kollektiv aus diesem Dilemma befreien?

In Artikel 1 unseres Grundgesetzes steht geschrieben:

(1) Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu
schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.

(2) Das Deutsche Volk bekennt sich darum zu unverletzlichen und
unveräußerlichen Menschenrechten als Grundlage jeder menschlichen
Gemeinschaft, des Friedens und der Gerechtigkeit in der Welt.

… und der Gerechtigkeit in der Welt. Damit müsste eigentlich jedem Asylantrag stattgegeben werden. Dann wird aber sofort wieder gejammert wegen des Geldes. Müsste man also nicht als “Wertegemeinschaft”, die man ja plötzlich auch sein kann, wenn es um die Verteidigung des Kapitalismus geht, dafür sorgen, dass jedes Land so ein Gesetz hat, und dann die Ärmsten der Armen ein Stück vom Wohlstand partizipieren lassen — zur Not eben durch Besteuerung, Enteignung oder Umverteilung (wie man es auch immer nennen mag) der überflüssigen Abermilliarden einiger Weniger?

Natürlich gehen manche Milliardäre mit ihrem Vermögen in die Welt hinaus und starten zahlreiche Projekte. Aber warum brauchen große Teile der Weltbevölkerung diese Hilfe überhaupt? Und kann es richtig sein, dass Reiche nicht aus Pflicht für das Wohl anderer Menschen sorgen, sondern bloß aus freiem Willen, einer Neigung heraus? Denn viele tun es auch nicht.

Warum machen sich Politiker gemein mit Menschen, in deren Liga sie finanziell gesehen nicht ansatzweise spielen? Selbst einfache Arbeitnehmer, kaum im Mittelstand angekommen, fürchten schon dass “die Linken” ihr sauer verdientes Geld den “Schmarotzern” nachschieben. Man hält sich für reicher als man ist. Weil man ein Dach über dem Kopf hat, hält man sich schon für Mittelstand. Und die meisten Arbeitslosen sind unfreiwillig arbeitslos, denn niemand lässt sich freiwillig von Arbeitsamt & Co. knechten, ist freiwillig “gesellschaftlich schlecht angesehen” und wird freiwillig krank unter diesem Zustand. Erhebungen belegen das eindeutig: Menschen möchten arbeiten, selbstbestimmte Arbeit gibt der menschlichen Existenz einen Sinn, besonders natürlich Sinn-volle Arbeit, und wenn Arbeit selbstbestimmt ist, wird sie ipso facto als sinnvoll erachtet.

Ein Beispiel: Somalia ist derzeit die Hölle auf Erden. Es ist so schlimm dort, dass sich selbst Ärzte ohne Grenzen von dort zurückgezogen haben. Ich habe einmal ausgerechnet, dass wir mit dem Mehrwertsteueraufkommen einer einzigen Woche das Land Somalia theoretisch in ein — für dortige Verhältnisse — Paradies verwandeln könnten.

Was ist also mein (utopischer) Vorschlag? Wie sieht das “perfekte Wirtschaftssystem” meiner Meinung nach aus?

Schritt 1: Milliardäre enteignen und das Vermögen an die Ärmsten verteilen. Zum Beispiel die riesigen Banken, die ihren eigentlichen Existenzzweck längst ad absurdum geführt haben. Banken, die nicht mehr wissen wohin mit all der Kohle, und darum beginnen auf Lebensmittel zu spekulieren, und damit die Ärmsten noch häufiger in den Hungertod treiben. Konzerne, die für eine existentielle Grundversorgung entscheidend sind (Wasser, Strom, Krankenhäuser, Krankenversicherung, Infrastruktur wie die Bahn, etc.) muss zurück in “Staatshand”, also in Volkes Hand.

Schritt 2: Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens. Warum funktioniert das? Weil Menschen per se “gierig” sind. Fast alle Menschen möchten immer mehr haben. Und genau dieses Argument wird schließlich auch dafür angeführt, um zu erklären, warum der Kapitalismus doch funktioniere: weil jeder immer mehr haben will, das halte den Wirtschaftskreislauf am leben. Geht es aber um das Grundeinkommen, heißt es plötzlich, dass der Mensch doch faul sei und dann nichts mehr für sich oder andere tun würde. Heißt das konkret, dass der Mensch grundsätzlich nur knapp am Existenzminimum gehalten werden muss, damit er “funktioniert”? Und muss der Mensch darüber hinaus überhaupt funktionieren, wenn er doch existiert? Reicht die bloße menschliche Existenz nicht aus? Ist es darüber hinaus zwangsweise erforderlich, einige wenige Superreiche wie die ALDI-Brüder oder Firmen wie Amazon, die dadurch reich werden, dass sie durch ihre Marktmacht anderen nur das absolute Minimum zugestehen, noch viel reicher zu machen? Oder darf sich ein Mensch ab Sicherung seiner Existenz gesellschaftlich einbringen und sich beispielsweise um ein besseres Miteinander bemühen? Darf er noch Zeit haben zum Nachdenken oder wenn überhaupt, nur noch zum Konsumieren?

Schritt 3: Beschränkung des Maximaleinkommens. Sagen wir, maximal eine Million pro Jahr pro Individuum. Warum nicht? Bis man eine Million hat muss man schon allerhand Leute in Lohn und Brot bringen oder alternativ viel dafür stricken. Das klappt doch bisher auch. Mit den Restmillionen wird ohnehin meist nur Unsinn getrieben, siehe Lebensmittelspekulationen. Wenn Roman Abramowitsch seine Yacht volltankt, kostet das 164.000 Euro. Alles über eine Million pro Jahr wird also zu 100% versteuert und kommt damit der Allgemeinheit zu Gute. Die Folge: Die besten Straßen, die beste Umwelt, die komfortabelste Bahn, die besten Schulen, das beste Trinkwasser, der günstigste und sauberste Strom, die beste Gesundheitsvorsorge. Und was, wenn jemand Geld für eine teure Unternehmung benötigt? Kredite mit fixer Zinszahlung kann man durchaus zur Realisierung kostspieliger Vorhaben bei Menschen einsammeln, die zu viel auf der hohen Kante haben und dies gegen einen kleinen Bonus gerne für sinnvolle Projekte verleihen würden. Das Maximaleinkommen (damit meine ich den Reingewinn) von Firmen kann eventuell auch höher liegen, wegen eventueller Rücklagenbildung und so weiter. Da gilt es noch genauer darüber nachzudenken.

Schritt 4: Zinseszins verbieten. Zwar hilft bereits eine Beschränkung des Maximaleinkommens, die Motivation zur Geldhortung aufzubrechen, es hat aber dennoch wichtige mathematische und besonders staatsfiskalische Gründe, warum das sinnvoll ist. Staatsschulden sind nämlich meist de facto nicht zurückzahlbar, weil die Zinslast schneller steigt als neues Vermögen durch Steuereinnahmen gebildet werden kann, zumal diejenigen, die die meisten Steuern zahlen, gerne damit drohen, das Land zu verlassen oder gleich komplett hinterziehen. Auch hier hilft das Maximaleinkommen. Zinsen darf es gerne weiterhin geben. Wer eine bestimmte Summe verleiht, soll auch seine Belohnung dafür erhalten. Diese muss aber fix sein. Und wer hier Geschäfte macht, muss auch hier Steuern zahlen: Gruß an Amazon, Google, PayPal, Apple, Starbucks & Co.

Schritt 5: Steuern erst viel später erheben, bei wesentlich höherem Einkommen. Das dürfte besonders den Liberalen gefallen, die sich für reicher halten als sie sind. Warum ist das nötig? Weil es zur Handlung motiviert. Wenn ich von geringen Beträgen bereits einen Großteil abgeben muss komme ich nicht so schnell in die Gänge wie wenn ich erstmal alles für mich haben kann. Außerdem bremst es wirtschaftliches Wachstum, es behindert die Existenzgründung und damit Innovationen und Konkurrenz. Insbesondere in Verbindung mit all den anderen Sozialabgaben. Was ist aber nun die Folge? Eine qua Grundeinkommen gesicherte Arbeit führt zu unmittelbarer Belohnung führt zu Mehr-Wollen, und gleichzeitig zu mehr Spaß an der Arbeit was zu mehr Spaß am Leben führt und ebenfalls dazu, diese auch freiwillig ausführen zu wollen, unabhängig vom Einkommen, weil man sie schließlich genießt. Da ist es ab einem bestimmten Punkt auch egal, ob man noch dafür bezahlt wird oder nicht, wenn die Arbeit an sich schon Belohnung genug ist, weil man darin aufgeht. Und ja, es gibt viele Menschen, die auch in einfachen Tätigkeiten wie Putzen eine gewisse Erfüllung finden, auch wenn sich manch Intellektueller das nicht vorstellen kann und einwendet, dass schließlich nicht jeder zum genialen Unternehmer oder Ähnlichem geboren sei.

Schritt 6: Offenlegung aller Einkommen, das heißt der Steuererklärung. Warum? Weil sich in Zukunft nicht mehr darüber definiert werden wird, wie viel jemand besitzt, weil es offenbar ziemlich leicht ist, eine Million zu verdienen, wenn man sich ansieht, dass es allein in Deutschland 892.000 Millionäre gibt, weltweit aber nur 1.400 Milliardäre. Sondern es wird sich darüber definiert werden, wer wie viel für die Gemeinschaft “spendet”, also über die 100%-Steuerabgabe hinaus freiwillig erwirtschaftet, obwohl er es gar nicht mehr müsste. Denn Status ist auch etwas, wonach ein Mensch grundsätzlich strebt, genauso wie sich jeder Mensch definieren und individuell von anderen durch seine Persönlichkeit und seine Leistungen abgrenzen will. So umgeht man auch, dass Menschen nur bis zur “Freimillion” arbeiten. Gleichzeitig motiviert die Offenlegung von Einkommen unter dieser Grenze wiederum dazu, nicht nur auf der faulen Haut zu liegen und das Grundeinkommen zu empfangen, sondern mehr verdienen zu wollen, als der Nachbar. Das funktioniert schließlich auch heute schon bei vielen. Und damit ist das Konzept auch abgerundet. (Bezüglich dem Schutz der Privatsphäre bei dieser Offenlegung gilt es eine angemessene Lösung zu finden.)

Schritt 7 (optional): Da wir den Zinseszins abgeschafft haben, brauchen wir auch kein künstlich aufblähbares, d. h. unbegrenzt inflationierbares Luftgeldsystem mehr, um die irrsinnige Zinseszinsakkumulation aufrechtzuerhalten. Darum können wir zu echtem Geld, welches nur begrenzt verfügbar ist, zurückkehren. Dies könnten zum Beispiel Edelmetalle sein. Da diese aber bereits ungleich verteilt sind, müsste auch hierfür zuerst eine Lösung gefunden werden.

Alle Maßnahmen müssen natürlich weltweit gelten, und warum tut man sich damit so schwer? Weil macht- und geldgeile Menschen an den Knöpfen der Macht um ihre Macht und ihr Geld bangen, den status quo beibehalten wollen, und dabei gerne in Kauf nehmen, dass die Mehrheit der Weltbevölkerung darunter leidet. Kriege gingen auch nie von der Bevölkerung aus. Es waren meines Wissens nach immer ein oder mehrere persönlichkeitsgestörte Machtgeile, die den Stein ins Rollen brachten, weil sie der Bevölkerung Krieg als Lösung für ihre hausgemachten Probleme verkaufte, im Grunde aber nur selbst an der Spitze stehen wollte.

Wir und vor allem die Medien tun so, als wären wir von Millionären und Milliardären und deren Gunst abhängig. Als gäbe es keine Idealisten. Als wäre der Mensch kein Gemeinschaftswesen. Das ist er aber, erstrecht wenn man den Konkurrenzdruck endlich rausnähme. Selbst um Bildung zu erhalten muss man heutzutage mit anderen z. B. um Studienplätze konkurrieren. Und man sieht doch allenthalben, dass Konkurrenz die Leute nur krank und asozial macht.

Den Rest dazwischen (zwischen Grundeinkommen und Maximalbesteuerung) könnte man mit einer wunderbar schlanken Regierung und ohne überflüssige Behörden wie der Bundesagentur für Arbeit wunderbar kapitalistisch nach den Prinzipien des freien Marktes (also einem unverzerrten Ausgleich von Angebot und Nachfrage) betreiben. Kleine Händler, Dienstleister und mittelständische Betriebe würden in einen fairen Wettbewerb treten, und damit natürlich auch Menschen, ohne aber um ihre Existenz bangen zu müssen, was ihnen ihre Würde und ihr Selbstbewusstsein zurückgibt und eine gesunde Risikobereitschaft stärkt.

Große Ketten und Monopolbildungen würden sich wegen der Gewinngrenze nicht länger rechnen. Darum könnten große Konzerne nie derart große Vermögen anhäufen, welche sie konkurrenzmindernd einsetzen können, z. B. indem sie innovative Neugründungen und Patente aufkaufen oder anderweitig bekämpfen.

Darüber hinaus dürften keine Trivialpatente mehr gewährt werden und Urheberrechte müssten wesentlich früher erlöschen, weil beides Innovationen bremst oder sogar erstickt. Auch sieht man, dass gesetzliche Vorschriften die Innovationskraft sogar antreiben. Firmen werden oft erst dann erfinderisch und investieren in innovative Konzepte, sobald sie müssen. Ein Beispiel: Um 70 Prozent sei der Treibstoffverbrauch von Kreuzfahrtschiffen in den letzten 20 Jahren gesunken, weil die Motoren besser geworden seien. Aber warum wurden sie besser? Weil Schutzzonen eingeführt wurden, in denen kein Schweröl mehr verbrannt werden darf. Not macht eben erfinderisch. Und wer Geld aus Geiz auf Kosten von Mensch und Umwelt verdienen will hat eben Pech gehabt. So einfach ist das.

Es besteht also gar keine Not für kommunistisch-sozialistische Gleichmacherei in der wenige Mächtige in der Regierung alles bestimmen und die restliche Bevölkerung leidet. Gleichzeitig wäre aber das aktuelle kapitalistische Ausbeutungssystem, von dem nur die Reichsten wirklich profitieren und die große Masse leidet, ebenfalls gezähmt und in gesunde Schranken verwiesen.

 

17.06.2014

Interview: Minimalismus in der Konsumgesellschaft

Von
 

Mitja, ein Schüler der Freien Waldorfschule Stade, hat mir im Rahmen seiner Jahresarbeit einige sehr interessante Fragen gestellt, über die ich mich sehr gefreut habe:

Wie definierst du, ganz persönlich, Minimalismus?

Minimalismus bedeutet für mich, zu identifizieren, was mir im Leben das Wichtigste ist und dann alles andere zu streichen. Das heißt nur die Dinge, Tätigkeiten und Beziehungen in meinem Leben beizubehalten, die notwendig oder wichtig sind oder die mein Leben nachhaltig bereichern.

Natürlich ist für jeden etwas anderes von Bedeutung, weshalb es keine allgemeingültige Definition eines einfachen Lebens geben kann.

Wichtig dabei ist, Extreme zu vermeiden, also den Weg der Mitte zu gehen, damit Minimalismus (die Einfachheit) nicht zum Selbstzweck wird.

(Das mag ohne weitere Erläuterungen etwas egoistisch klingen, das wäre es aber nur, wenn es für mich beispielsweise nicht von Bedeutung wäre, für andere da zu sein. Mir geht es hier zum Beispiel um das Pflegen weniger aber dafür intensiverer Kontakte als möglichst vieler oberflächlicher Kontakte. Durch meinen minimalistischen und dadurch auch achtsameren Lebensstil habe ich sogar viel bessere Möglichkeiten für andere da zu sein.)

Warum bloggst du?

Um einen Beitrag zu leisten für eine hoffentlich irgendwann nachhaltigere, achtsamere, “bessere” Welt. Ich will die Leute zum Nachdenken anregen für ein besseres Leben als Individuum sowie für ein besseres Miteinander und damit auch für einen besseren Umgang mit der Welt an sich.

Warum bist du Minimalist?

Es befreit, u. a. vom Zwang zum Konsum, der Wartung, Platzmangel, größeren Geldsorgen, und lindert damit auch enorm Zeitmangel. Minimalismus ist Freiheit und Unabhängigkeit. Minimalismus macht so gesehen auch den Kopf frei, vereinfacht buchstäblich das Leben.

Was ist dir im Leben wichtig?

Gute Beziehungen, Gesundheit, Lebensfreude (dazu auch Genuss der kleinen oder “selbstverständlichen” Dinge und der Natur, und dass ich ständig neue Dinge lernen darf). Aber auch ein guter materieller Lebensstandard, allerdings im Sinne von Qualität statt Quantität. Das Wesentliche zu besitzen, aber nicht im Überfluss zu ertrinken. Lieber wenige “gute” statt viele mittelmäßige oder gar schlechte “Dinge” “konsumieren” (in allen Lebensbereichen: Gegenstände, Tätigkeiten, Menschen, Medien, Nahrung, Freizeit, …).

Ist Minimalismus schwierig?

Finde ich nicht. Man muss sich manchmal klar werden dass man Dinge nicht braucht, selbst wenn alle sie haben (bestes Beispiel: neuestes Smartphone, neuester Riesenfernseher, …) und dann standhaft sein. Es erleichtert aber gleichzeitig auch das Ablehnen der zahlreichen Angebote die man ohnehin nicht alle annehmen kann weil man nicht unbegrenzt Geld, Platz und Zeit hat. Und auch sonst hat Minimalismus viel mehr Vorteile (Freiheit, Zeit, Geld, Mobilität, kurz: Unabhängigkeit).

Was sind, deiner Meinung nach, die größten Probleme einer Konsumgesellschaft?

Die Herstellung (schlechte Arbeitsbedingungen bzw. Ausbeutung von Mensch, Tier und Umwelt; Zerstörung des Planeten für Profitgier einiger Weniger), die Entsorgung (massive Umweltprobleme) und der Verbrauch z. B. von fossiler Energie und Rohstoffen.

Auf persönlicher Ebene der gesellschaftliche “Druck” zum Konsum, quasi als Zwang zu Statussymbolen, zu zeigen dass man mithalten kann, auch wenn man es eigentlich weder muss noch will. Es geht ja nicht um das Smartphone, es geht darum dass das Smartphone aussendet dass man sich das Ding leisten kann und auf der Höhe der Zeit ist: die Gesellschaft zieht oft falsche Rückschlüsse vom Äußeren auf die Person selbst.

Gut vor Augen wird das geführt wenn man sich den Kleiderschrank mancher Teenies anschaut. Teile z. B. von Primark werden tütenweise gekauft, zum Teil nur einmal getragen und die Menschen in Bangladesch verenden schleichend an den Chemikalien1, die zur Herstellung dieser Billigmode benötigt wird, an Überarbeitung (über 12 Stunden am Tag an sieben Tagen die Woche2) oder weil eben die Fabrik einstürzt (zuletzt 1127 Tote und 2438 Verletzte3).

Generell zählt in der derzeitigen Konsumgesellschaft anscheinend fast nur noch Quantität, die Qualität (sowohl der Produkte als auch wie sie gemacht werden – von Mensch und Umwelt) ist nahezu völlig irrelevant geworden. Wirklich “preis-wert” (den Preis wert) ist fast nichts mehr. Weniger, aber dafür besser – da müssen wir (wieder) hin.

Welches ist dein Lieblingszitat? (Wenn du eins hast, ich finde viele einfach richtig gut.)

Wenn ich ein Lieblingszitat hätte bräuchte ich nicht diese Sammlung – da geht es mir wie dir. :-)

Wie ernährst du dich?

Ich versuche auf Billigfleisch zu verzichten, nur möglichst moralisch “halbwegs okay erzeugtes” (es gibt eigentlich so gut wie kein moralisch einwandfreies Fleisch) Biofleisch zu essen und das möglichst selten, hoffentlich irgendwann gar nicht mehr; schon gar kein McDonalds & Co., davon wird mir tatsächlich sogar nach wenigen Happen richtig schlecht.

Nudeln, Reis, Tofu, usw. sind zum Beispiel gut. Gerne viel Obst, Gemüse, Früchte und Kräuter. Ich glaube wenn man nicht so langweilig kocht braucht man gar nicht so viel Fett und Fleisch. Gute Anregungen, wie man es besser machen kann, liefert zum Beispiel die asiatische Küche. Darum habe ich auch die Kräuter genannt.

Zucker und Fette meide ich weitgehend. Ich esse kaum “unnötige” Sachen wie Süßigkeiten. Grund: Es macht mich nicht satt, aber die Zähne kaputt, und manche Leute sogar fett (mich übrigens nicht, insofern hab’ ich davon ernährungstechnisch gesehen nichtmal was).

Generell, wenn es sich finanziell irgendwie machen lässt, sollte man Billigprodukte von Aldi, Lidl & Co. meiden. Die sind meiner Meinung nach nur auf Kosten von Mensch (z. B. den Zulieferern, aber auch den Konsumenten) und Tier (z. B. Massentierhaltung) so billig.

1 Quelle (Etwa ab Minute 20)

2 Quelle: “„Wer ein T-Shirt für zwei Euro kauft, muss wissen, dass jemand anderes den Preis dafür bezahlen muss.“ (…) „Die Arbeitsbedingungen sind katastrophal.“ Die Näherinnen in Bangladesch müssten sieben Tage die Woche jeweils zwölf Stunden arbeiten.”

3 Quelle: “Im Gebäude waren mehrere Textilfirmen, Geschäfte sowie eine Bank untergebracht. Am Vortag (…) waren in dem Gebäude Risse festgestellt worden. Deshalb verbot die Polizei den Zutritt. Dennoch waren mehr als 3.000 Menschen im Gebäude, größtenteils Textilarbeiterinnen, als das Gebäude (…) kollabierte. Die Angestellten waren von den Fabrikbetreibern gezwungen worden, ihre Arbeit aufzunehmen.”

 

29.03.2014

Minimalismus vor 2.300 Jahren

Von
 

Nichts genügt demjenigen, dem das was genügt zu wenig ist. (Epikur)

Da macht man sich allerhand Gedanken um Minimalismus; versucht, eine möglichst vernünftige Definition auszuarbeiten, die Extreme vermeidet, aber gleichzeitig das ganze Vorhaben nicht verwässert; wird von Zeitungen, Radio- und Fernsehsendern gebeten, Interviews zu dieser neuen, modernen, trendigen, ja so ganz anderen Philosophie zu geben; und man fragt sich, warum eine so einfache Sache offenbar einen so starken Kontrast zur Gesellschaft darstellt, dass man, würde man den ständigen Bitten nachgeben, zu zweifelhafter Berühmtheit gelangen würde, einfach nur deswegen, weil man ein einfacheres Leben ohne unnötigen Ballast bevorzugt.

Und dann schlägt man ein Ethikbuch auf und erfährt, dass vor etwa 2.300 Jahren ein griechischer Philosoph namens Epikur im Grunde nichts anderes gesagt und gelehrt hat. (Nicht, dass ich meine Gedanken für so innovativ halte. Was mich eher erstaunt, ist, dass in der Schule auch mal etwas für das persönliche Leben Sinnvolles gelehrt wird. :-) )

Was hat Epikur gelehrt?

Ich würde sagen, Epikur war Vertreter eines gemäßigten Minimalismus und damit Vertreter eines gemäßigten Hedonismus, denn Epikur erachtete die subjektive Bedürfnisbefriedigung als Maßstab des Glücks.

Was ist Hedonismus? Hedonismus ist das ständige Streben nach Lust, Freude, Vergnügen und sinnlichem Genuss beim gleichzeitigen Versuch, Leid und Schmerz zu vermeiden.

Sagte ich subjektive Bedürfnisbefriedigung? Ja, aber mit Einschränkungen:

Auch Epikur unterscheidet zwischen echten Bedürfnissen und unechten Bedürfnissen, also den vernachlässigbaren, gar überflüssigen Wünschen, indem er sagt, dass Elementar-, also Grundbedürfnissen, der Vorzug zu geben ist. Er sagt außerdem, dass es falsch wäre, sich ohne Vernunft nur von der Lust leiten zu lassen.

Das heißt im Klartext: Im Gegensatz zu den Stoikern, deren Lehre der Askese und Selbstbeherrschung auf mich wie Selbstkasteiung wirkt, möchte Epikur das Leben und was es einem bietet genießen — seien es gute Beziehungen zu Freunden und Familie, Erlebnisse, Erfahrungen, Tätigkeiten und Aktivitäten, aber auch Bequemlichkeiten, wie Gegenstände, die das Leben vereinfachen oder freudvoller machen.

Nach Stoikern wie Seneca darf man glücklich nämlich “nur denjenigen nennen, der weder Wünsche hegt noch Furcht empfindet.” So wahr das ist, so deutlich wird die absolute Askese, die von den Stoikern offenbar bevorzugt wird. Ob man damit glücklich werden kann, insbesondere als Teil der westlichen (Konsum-)Gesellschaft, ist fraglich. Unmöglich ist es nicht, aber sicher nicht einfach.

Epikur dagegen würde den reinen, asketischen, selbstbeherrschenden “Minimalismus” (Verzicht) der Stoiker nicht gutheißen, weil dieser wohl häufiger Leid verursachen würde. Dennoch möchte Epikur sich auf das Wesentliche beschränken, welches das persönliche Glücksempfinden im Leben erhöht, und sich in diesem Sinne gelegentlich etwas gönnen, ohne sich jedoch ausschweifenden Exzessen hinzugeben.

Ein “seliges Leben” ist für Epikur dann erreicht, wenn Gesundheit und Seelenruhe zusammenkommen. Sich mit wenigem zufrieden zu geben trägt für Epikur entscheidend dazu bei.

Epikur schlägt außerdem vor, sich in seinen Handlungen an einem hedonistischen Kalkül (Investitionsprinzip) zu orientieren, das heißt auf die Erfüllung aktueller Bedürfnisse zu verzichten, wenn dadurch später mehr Lust und Freude erreichbar sind.

Zum Beispiel sollte, wer Zahnschmerzen hat, kurzzeitigen Schmerz bei der Zahnbehandlung hinnehmen, um langfristig wieder größere Lust und Freude empfinden zu können. Oder wer etwas im Leben erreichen möchte, sollte auf kurzfristige Lusterfüllung (z. B. Fernsehen) zugunsten späterer größerer Lust (z. B. erfüllender Beruf) verzichten.

Zusammenfassung

Nach Epikur sollte der Mensch einsehen, dass immer neue Bedürfnisse auftauchen und diese letztlich unstillbar sind. Deshalb ist es notwendig, sich innerlich von ihnen zu distanzieren. Dies führt wiederum zu einer inneren Ruhe, Ausgeglichenheit und Unerschütterlichkeit der Seele (gr. ataraxia) und damit zum Empfinden von Glück.

Dadurch steht Epikurs Botschaft eines für alle erreichbaren Glücks durch bewusstes Leben, Selbstbeschränkung und maßvolle Lebensführung also einem naiven Hedonismus mit seinen leiblich-sinnlichen Ausschweifungen diametral entgegen.

Genausowenig ist Epikur ein absoluter Asket. Er bevorzugt, genau wie die Buddhisten, einen vernünftigen “Weg der Mitte” (gr. mesotes).

Letzter Abschnitt mit Material aus Ethikos 12, Oldenbourg Verlag, 2010.

 

13.12.2013

Wie viele Dinge braucht der Mensch?

Von
 

„Arm ist nicht der, der wenig hat, sondern der, der nicht genug bekommen kann.“
(Jean Guéhenno)

Bücher, DVDs, Besteck, Teller, Tassen, Handtücher, Socken, Hemden, Hosen, … diese Liste könnte man endlos weiterführen und würde viele tausend Gegenstände zusammenbekommen, die man in jedem Durchschnittshaushalt findet. Laut einer Statistik besitzt jeder Deutsche rund 10.000 Gegenstände und ständig kommen mehr dazu. Doch braucht man all diese Dinge wirklich? Welche Ausmaße hat der Konsumkosmos angenommen und warum machen wir uns überhaupt so stark von den Gegenständen in unserem Alltag abhängig?

10.000 Gegenstände. Das klingt nach sehr viel und man kann sich kaum vorstellen, so viele Dinge sein Eigen zu nennen, aber spätestens bei einem Umzug merkt jeder, dass man tatsächlich unzählige kleine Dinge besitzt. Ob man die auch wirklich alle braucht, diese Frage stellt man sich oft nicht. Wer seinen Kleiderschrank ausmistet, stößt oft auf Modesünden aus der letzten Saison oder auf Kleidungsstücke, die längst nicht mehr passen. Aber immer wieder finden wir Ausreden, warum diese Dinge es wert sind, aufgehoben zu werden. Die mittlerweile zu eng gewordene Hose wird als Grund zum Abnehmen aufgehoben. Schließlich könnte man ja irgendwann wieder hineinpassen. Die Cordhose, die noch vor einigen Jahren im Trend war, könnte ja eines Tages wieder modern sein. So sammeln sich Jahr für Jahr immer mehr Stücke an und irgendwann platzt der Kleiderschrank aus allen Nähten. Aus der Fülle der Kleidungsstücke, die man besitzt, resultiert zudem nicht nur Unordnung, sondern auch die häufig aufkommende Aussage, man hätte nichts anzuziehen, was unweigerlich im Kauf neuer Kleidungsstücke endet.

Was für Kleidungsstücke gilt, gilt auch für zahlreiche andere Dinge des Alltags. Man besitzt in der Regel mehr als zwei Handtücher, obwohl man im Grunde nicht unbedingt mehr bräuchte. In der Küche hat man Teller und Besteck für mindestens 20 Personen und so viele Töpfe wie in einer Großküche. Hinzukommen die unzähligen kleinen mehr oder weniger sinnvollen Küchenhelfer von der Kaffeemaschine über den Toaster und den Wasserkocher bis hin zu Sandwichmaker und Stabmixer. Wir sammeln so immer mehr Dinge an, mit denen wir uns unseren Alltag ein Stück weit vereinfachen wollen. Wir sparen Geld für einen großen Flachbildfernseher. Reicht uns der Klang nicht aus, kaufen wir dazu eine Soundanlage. Für die neusten Filme muss dann noch der passende Blu-ray-Player her. Auf diese Weise folgt auf eine neue Anschaffung meist eine weitere und so geht es immer fort, bis wir kaum noch Platz in unseren Wohnungen haben und in eine größere Wohnung ziehen müssen.

Das Geschäft mit dem Überfluss

Dass unsere Wohnungen immer voller werden von all unseren Besitztümern, haben sich längst findige Geschäftsleute zu Nutze gemacht. Besonders in großen Städten ist Stauraum wertvoll. Kleine Wohnungen ohne Abstellräume oder Bodenkammern bieten wenig Platz für unsere Schätze des Alltags. Self-Storage heißt der Trend, der aus den USA zu uns gekommen ist. Firmen bieten Räume in großen Lagerhallen, die man anmieten kann, um dort Dinge unterzustellen oder auszulagern. Für Menschen, die eine längere Reise unternehmen und nicht all ihre Habseligkeiten verkaufen wollen, ist das sicherlich ein interessantes Angebot. Es verleitet aber auch dazu, mit dem nötigen Kleingeld Besitztümer auszulagern, um Platz für Neuanschaffungen zu machen. Viele Dinge finden in solchen Lagerhäusern Platz: Überschüssige Möbel, Sammlungen, Akten – alle möglichen Dinge werden ausgelagert, weil die eigenen vier Wände dafür nicht mehr genügend Platz bieten. Für die Unternehmer ist der Überfluss also ein gutes Geschäft, denn bevor man sich von teils liebgewonnenen Gegenständen trennt, versucht man häufig Wege zu finden, um sie aufzubewahren.
Während die sogenannte „Selbst Einlagerung“ in den USA immer mehr zu einer Art Volkssport wird, ist sie in Europa und insbesondere in Deutschland nur langsam auf dem Vormarsch. In den USA gibt es bereits rund 50.000 solcher Lagerzentren, während es in ganz Europa nur knapp 1500 sind. Dennoch werden die vorhandenen Einrichtungen intensiv genutzt und das nicht nur von Firmen, die verschiedene Waren oder Akten und Unterlagen auslagern, sondern zunehmend auch von Privatpersonen. Auf diese Weise ist durch unseren stetigen Konsum und die Bindung, die wir oft zu Gegenständen aufbauen, ein Wirtschaftszweig entstanden, der in der Sammelleidenschaft vieler Menschen eine wahre Goldgrube gefunden hat.

Wie Sammelleidenschaft zur Krankheit wird

Jeder Mensch hat seine kleinen Kostbarkeiten und sammelt im Laufe seines Lebens verschiedene Dinge an. Daran ist grundsätzlich auch nichts auszusetzen, aber ich manchen Fällen schlägt die Sammelleidenschaft – meist verursacht durch traumatische Erlebnisse – in ein fast schon krankhaftes Horten von unterschiedlichsten Dingen um. Das Messie-Syndrom ist wohl die extremste Form von Sammelleidenschaft. Über die genauen Ursachen für das zwanghafte Sammeln sind sich Experten uneinig. Oft wird postuliert, dass schwere seelische Störungen die Krankheit verursachen. Oft geht es auf traumatische Ereignisse oder tief sitzende Verlustängste zurück. Das Festhalten der vielen kleinen wichtigen und unwichtigen Objekte des Alltags gibt den Menschen ein bisschen Sicherheit und hilft ihnen vermeintlich dabei, die Löcher in Ihrer Seele zu stopfen. Sie machen sich abhängig von ihren Besitztümern. Gleichzeitig ist das Chaos in der Wohnung ein Abbild des inneren Chaos.

Zudem findet sich im übermäßigen Sammeln von Gegenständen vermutlich eine große Angst vor Kontrollverlust. Messies müssen nicht unordentlich und extrem chaotisch leben. Einige Betroffene haben in ihren Wohnungen eine akribische Ordnung und sortieren alle Besitztümer nach einem strengen System. Jeder Joghurtbecher und jede Zeitschrift befindet sich damit genau an ihrem Platz und ist jederzeit griffbereit. Das Wissen, alle möglichen Dinge zu besitzen und jederzeit griffbereit zu haben, gibt den Menschen ein Gefühl von Sicherheit. Die sind für alle Eventualitäten gerüstet und haben damit die volle Kontrolle über ihr Leben und ihre Umgebung.

Haste was, biste was – warum wir immer mehr wollen

Wir kaufen CDs, Bücher, DVDs, Kleidung und Elektrogeräte; meist in der festen Überzeugung, diese Dinge unbedingt zu brauchen. Das Wettrüsten der Konsumenten nimmt immer neue und größere Ausmaße an und wir sammeln und sammeln. Wir kaufen Weihnachtsdekoration, Osterdekoration, Herbstdekoration, Frühlingsdekoration. Wir kaufen Computer, eBooks, Tablets, Smartphones, Fernseher, DVD-Player und Stereoanlagen. Wir kaufen Schnellkochtöpfe, Eisenpfannen, Bratpfannen, Grillpfannen, Wokpfannen und Schmorpfannen. All das um uns für jede Eventualität zu rüsten.

Im Grunde kauft man etwas, um eine Lücke zu schließen und ein bestimmtes Bedürfnis zu befriedigen. In den meisten Fällen verwechseln wir jedoch echte Bedürfnisse mit Wünschen. Werfen wir an dieser Stelle doch einmal einen Blick auf die tatsächlichen Bedürfnisse des Menschen. Der amerikanische Psychologe Abraham Maslow veröffentlichte bereits in den 1940er Jahren die Grundidee für eine Bedürfnishierarchie des Menschen. In dieser Pyramide wurden die neben den Grundbedürfnissen Essen, Trinken und Schlafen wichtigsten menschlichen Bedürfnisse zusammengefasst. Wenngleich diese sogenannte Bedürfnispyramide vielfach wegen fehlender Belege und theoretischer Grundlagen kritisiert wurde, so kann man darin dennoch wichtige Kriterien ablesen, die unser Leben und auch unser Konsumverhalten begründen. Maslow untergliederte die zusammengefassten Bedürfnisse in Defizitbedürfnisse, die aufgrund eines Mangels gestillt werden müssen, und die sogenannten Wachstumsbedürfnisse, die nicht aus einem Mangel resultieren, sondern unseren Drang nach sozialer Anerkennung und Selbstverwirklichung beinhalten. Die Defizitbedürfnisse, die nach (beruflicher und privater) Sicherheit sowie nach Liebe und Freundschaft streben sind weniger ursächlich für einen exorbitanten Konsum. Das Bedürfnis nach Anerkennung und Selbstverwirklichung hingegen führt oft zu einem starken Konsum.

Bereits von klein auf lernen wir, dass ein materieller Reichtum vorteilhaft für Ansehen und Status ist. Wer im Kindergarten tolles Spielzeug hat, hat viele Freunde, die mit dem Spielzeug und mit dem Besitzer spielen wollen. Wer in der Schule coole Klamotten hat, ist beliebt. Wer im Berufsleben ein großes Auto fährt und teure Markenkleidung trägt, genießt oft hohes Ansehen. Gleiches gilt für Wohnungen, die mit hochwertigen Möbeln, Kunstobjekten und vielen kleinen Schätzen eingerichtet sind und bei Besuchern für Staunen sorgen. Über die Dinge, die wir besitzen, definieren wir uns. Die Kleidung unterstreicht den Charakter, viele Bücher im Haus zeigen, dass der Besitzer belesen ist, Souvenirs von Reisen in ferne Länder zeigen, wo man bereits überall war. Auf diese Weise bauen wir unsere Identität um uns herum auf, denn was allein in uns ist, kann man von außen nicht sehen. Ohne Objekte, die eine Geschichte über uns erzählen, sehen die Menschen um uns herum nicht, wer wir sind und was wir bereits erlebt haben. Unsere Wohnung ist gewissermaßen der Spiegel unserer Seele.

Neben dem Wunsch, uns zu definieren und bei anderen Menschen Ansehen zu gewinnen, nutzt man Gegenstände oft dazu, sich an etwas zu erinnern. Fotos von Freunden und Familie stehen überall in der Wohnung, um uns die alte Zeit und schöne Erlebnisse in Erinnerung zu rufen. Souvenirs von einer Reise holen ein Stück des sorglosen Urlaubsgefühls zurück in den grauen Alltag. Oder der alte Teddybär, dem bereits ein Auge fehlt, lässt uns an die unbeschwerte Kindheit denken. Somit definieren wir mit den Gegenständen, die wir sammeln nicht nur, was wir sind, sondern auch, was wir waren. Anhand der Objekte, die wir besitzen, können wir oft unser gesamtes Leben rekonstruieren. Wir sammeln Erinnerungsstücke an verflossene Partner, den ersten Schuh des Kindes, Eintrittskarten von besonders schönen Konzerten oder alte Schulhefte und nutzen sie als Brücken in die Vergangenheit; als kleine Anker, die uns längst Vergessenes in Erinnerung rufen und uns zu dem machen, was wir sind. Wenn wir die Eintrittskarte ansehen, glauben wir noch einmal die Musik zu hören und das Gefühl zu spüren, das wir damals hatten. Wenn wir unsere alten Schulhefte durchblättern, finden wir kleine Notizen am Rand, die wir unserer besten Freundin geschrieben haben oder den verwischten Abdruck einer Träne nach einer schlechten Klassenarbeit.

Die kleinen Schätze des Alltags machen aus, was und wer wir sind. Sie bergen Erinnerungen und wecken Gefühle. Und vielleicht brauchen wir diese Anker, um uns an Vergangenes zu erinnern. Selbstverständlich kann man auch ohne ein altes Schulheft an seine Schulzeit denken, doch durch das Berühren des spröden Papiers und den Blick auf die verblasste Tinte wird die Erinnerung realer und man denkt wehmütig zurück. Nicht umsonst hängen wir oft mit ganzem Herzen an scheinbar wertlosen Dingen und nicht umsonst scheint der Verlust eines Familienfotoalbums ungleich schmerzvoller als das Versagen eines teuren Fernsehgerätes.

Haste nix, biste nix? – Minimalismus leben

Dass es auch anders geht, beweisen Menschen, die einen minimalistischen Lebensstil führen. Das heißt nicht, dass sie auf essentielle Dinge verzichten. Sie machen sich und ihre Identität nur weniger von Objekten abhängig, als dies andere Menschen tun. Ihre Besitztümer sind auf ein Minimum reduziert und dennoch hat man das Gefühl, dass sie besonders reich sind. Sie setzen andere Prioritäten im Leben und haben sich von vielen Dingen getrennt, die man wohl als normal und alltäglich bezeichnen würde. Sie haben mit dem Zwang der Besitztümer gebrochen und wollen nicht länger Eigentum ihres Eigentums sein.

Besonders aufgrund der Verbreitungsmöglichkeiten, die das Internet bietet, hat der Trend des Minimalismus viel Zulauf erhalten. Einer der Vorreiter, der den Verzicht salonfähig machte und damit der Frage nach der Notwendigkeit von Besitztümern große Bedeutung verlieh, war der Amerikaner Kelly Sutton. Vor einigen Jahren beschloss der Programmierer, einen Großteil seiner Besitztümer loszuwerden. Während eines längeren Auslandsaufenthalts hatte er gemerkt, dass er nur wenig davon wirklich benötigte und es ihm trotzdem an nichts fehlte. Über das Internet begann er, alles zu verkaufen, was er als überflüssig erachtete. Darunter zahllose Bücher, Filme und vor allem Unmengen an Kleidung. Seine Erfahrungen teilte er in seinem Blog mit einer großen Leserschaft und etablierte damit den „Cult of less“ – einen Lebensstil, der auf so vieles verzichtet und dennoch für die, die ihn leben, nichts vermissen lässt.

Besonders im digitalen Zeitalter kann man viele Dinge in digitaler Form besitzen. Insbesondere Bücher, Musik und Filme sowie zahlreiche Dokumente und Fotos lagern auf Festplatten oder im Internet in sogenannten Clouds. Das ist es auch, was insbesondere internetaffinen Menschen einen minimalistischen Lebensstil erleichtert. Sie machen sich auf diese Weise nicht abhängig von Besitz und sind flexibel zu gehen, wohin sie wollen. In verschiedenen Blogs teilen sie ihre Erfahrungen und tauschen sich mit anderen Menschen aus. Es geht dabei nicht darum, mit anderen in eine Art Wettstreit zu treten und so wenig wie möglich zu besitzen. Es geht vielmehr darum, sich im Leben auf das Wesentliche zu konzentrieren und sich vom Konsumzwang loszulösen.

Einer dieser Menschen ist Alexander Rubenbauer aus der Nähe von Nürnberg. Der 25jährige angehende Psychologiestudent stieß vor einiger Zeit auf die Aussage eines US-Bloggers, der behauptete: „Je weniger ich besitze, desto glücklicher bin ich.“ Fasziniert von dieser Lebenseinstellung beschloss er, sein Leben umzukrempeln und sich von allem unnötigen Ballast zu trennen. Seine Erfahrungen schildert er wie viele andere Minimalisten in seinem Blog. Vor etwa drei Jahren begann er, sein Leben auszumisten. Und dazu gehörten nicht nur viele unnötige Gegenstände. „Minimalismus bedeutet für mich, nur die Dinge, Tätigkeiten und Beziehungen in meinem Leben zu haben, die mir wirklich wichtig sind, und alles andere zu streichen. Dabei versuche ich aber den “Weg der Mitte” zu gehen, also Extreme zu vermeiden.“ Alexander besitzt in etwa 300 Gegenstände. Eine genaue Zahl kann er nicht festlegen. Es geht ihm nicht darum, einen Wettbewerb zu gewinnen, sondern sich mehr auf die wirklich wichtigen Dinge zu konzentrieren. „Ich besitze weniger, fühle mich freier und mobiler, entspannter, bin fokussierter. Ich habe noch nie allzu viel konsumiert, konsumiere jetzt aber noch bewusster.“ sagt er. „Ich dachte früher, ich bräuchte mehr materiellen Erfolg, um zufrieden zu sein. Das hat sich gewandelt. Man braucht erstaunlich wenig, um zufrieden zu sein, alles andere ist nur ein riesiges Sahnehäubchen. Vieles, was wirklich teuer ist, hätte nur das Ego gerne. In ehrlicheren Momenten fällt einem aber auf, wie sinnlos es war oder wäre, viel Geld dafür auszugeben, einer Illusion nachzulaufen. Der Illusion, dass man ein besserer, wertvollerer oder glücklicherer Mensch wäre, wenn man bestimmte Gegenstände hätte.“ Von Erinnerungsstücken hält Alexander nicht viel. Die wichtigen Dinge behalte man ohnehin in Erinnerung oder könne sie mit Gesprächen wiederbeleben. Viel wichtiger als die kleinen Anker in die Vergangenheit ist ihm das bewusstere Erleben der zahlreichen wertvollen Augenblicke. Anstatt im Urlaub unzählige Bilder zu knipsen und danach penibel in ein Fotoalbum zu sortieren, solle man lieber den Urlaub intensiv erleben und alle Eindrücke in sich aufsaugen.

Auch Michael Klumb führt einen minimalistischen Lebensstil und teilt seine Erfahrungen sowie hilfreiche Tipps in seinem Blog. Vor etwa drei Jahren kam der 31-Jährige Augenoptiker erstmals durch das Buch „Simplifiy your Life“ mit dieser Art der Lebensgestaltung in Kontakt. Er wollte etwas in seinem Leben ändern und vor allem vereinfachen und das nicht nur durch das Ausmisten des Kleiderschrankes. Zahlreiche Blogs von Gleichgesinnten brachten ihn dann auf den Weg, den er seither beschreitet. „Meiner Meinung nach geht dieser Prozess vom Äußeren zum Inneren. Man fängt erst einmal an, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen. Dann muss der Entschluss kommen, wirklich etwas in seinem Leben ändern zu wollen.“ sagt er. „Danach geht es bei den meisten Minimalisten mit dem Ausmisten, Verschenken und Wegwerfen los. Das Konsumverhalten ändert sich, man haftet im Allgemeinen an weniger und erlebt dadurch eine große Freiheit und Flexibilität. Außerdem empfindet man Zufriedenheit und Glück.“ Von den rund 2000 CDs und mehreren hundert Büchern, die einst zu seinen Schätzen gehörten, ist nichts mehr geblieben. Vieles wurde digitalisiert und steht nach wie vor zur Verfügung, ohne unnötig Raum in Anspruch zu nehmen. Neben der persönlichen Freiheit, die man gewinnen kann, hat sich für Michael Klumb auch sein Konsumverhalten stark verändert: „Ich hinterfrage viele Einkäufe bewusster und entscheide mich eher für Qualitätsprodukte und Dinge, die fair und nachhaltig produziert wurden. Ich kann vielen Menschen speziell für Impulskäufe nur den Tipp geben, alles auf eine Liste zu schreiben und Gegenstände erst nach 30 Tagen zu kaufen. Ich setze mich zum Beispiel mit einem speziellen Produkt, was ich regelmäßig konsumiere, intensiv auseinander. Recherchiere, vergleiche und treffe dann eine sehr viel bewusstere Kaufentscheidung.“ Generell ist es die Abhängigkeit von Konsumgütern, die viele Minimalisten beklagen. Sie wenden sich ab von der Einstellung, dass Besitztümer glücklich machen und das Leben verbessern. Und so sagt auch Michael Klumb: „Minimalismus stellt für mich einen Weg dar, sich zu reduzieren und zu fokussieren, Glück zu finden und dabei unabhängiger von Äußerem zu werden.“

Das ist kein Aufruf, seine Wohnung radikal auszumisten und wegzuwerfen, was als überflüssig angesehen werden kann. Das ist viel mehr ein Versuch zu zeigen, dass es unterschiedliche Lebensmodelle und unterschiedliche Auffassung davon gibt, was im Leben wichtig ist. Wenn überhaupt Gegenstände uns definieren können, dann ist es nicht das große Auto, der Flachbildfernseher, das Smartphone oder das Designersofa. Wer wir sind, zeigen viel mehr die kleinen Dinge. Ein schwarz-weißes Kinderfoto, ein altes Schulheft, der einäugige Teddybär. Auch wenn wir diese Dinge nicht unbedingt brauchen, um zu wissen, wer wir sind, so geben sie uns dennoch ein Gefühl von Sicherheit und helfen uns, nicht zu vergessen, wer wir waren und wo wir herkommen.

Und damit kommen wir zurück zur Eingangsfrage „Wie viele Dinge braucht der Mensch?“. Was wir wirklich brauchen, passt wohl in einen großen Rucksack und selbstverständlich bergen die Dinge, die uns umgeben und die wir unser eigen nennen auch Zwänge und Verpflichtungen, aber sie geben uns Sicherheit und sind ein nicht zu unterschätzendes Sahnehäubchen.

KOMPASS Stadtmagazin | Ausgabe 12/13 | www.deinkompass.de

 

13.08.2013

Minimalisten: Lebenskünstler oder Sockenzähler?

Von
 

Je mehr man hat, desto weniger kann einem fehlen, das ist wohl eine weit verbreitete Meinung. Minimalisten sagen: Je weniger sie besitzen, umso besser geht es ihnen. Wie viel braucht der Mensch zu einem glücklichen Leben?

Weg mit all dem Überfluss, radikales Entrümpeln, völlige Freiheit – das bedeutet diese Lebensform für die meisten Minimalisten. Mit Askese und klösterlicher Einfachheit hat das nichts mehr zu tun. Minimalismus ist zum modernen Lifestyle geworden.

Minimalismus ist keine Bewegung, sondern eine Lebensphilosophie. Es gibt kein gemeinsames Ziel, keinen Wunsch nach einer gesellschaftlichen Revolution und kein allgemeingültiges Regelwerk. Generell geht es darum, alles was einem nicht wirklich wichtig ist und was man nicht zum Leben braucht, los zu werden.

Das gilt für Gegenstände aber auch für Pflichten, Aufgaben oder Tätigkeiten und auch für soziale Beziehungen. Oberflächliche Bekanntschaften oder Bekannte, die sich nur melden, wenn sie etwas brauchen, werden gestrichen. So bleibt mehr Zeit für die wichtigen Menschen im Leben.

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