Minimalismus

 

24.02.2017

Warum ist unsere Gesellschaft wie sie ist?

Von , Nürnberg
 

Eine Leserin hat mir kürzlich geschrieben, dass sie die Welt als grausam und ungerecht empfindet, aufgrund dessen zu Depressionen neigt, es ihr jedoch besser gehe, seitdem sie zum Minimalismus gefunden hat, weil sie das gegenwärtige System, das uns Konsum als Lebensinhalt verkaufen möchte, nicht länger unterstützen kann. Sie schreibt: „Ich möchte den Wirtschaftskreislauf der Ausbeutung unterbrechen, um selbst einen Weg zu finden, wie ich am besten mit meiner Lage umgehen kann.“

Meine These ist schon länger, dass Depressionen, die in der Regel auf einen Mangel an empfundenem Sinn im Leben hindeuten, nicht nur Menschen betreffen, weil diese eben „dazu neigen“ oder „etwas mit ihnen nicht stimmt“, sondern weil unsere Konsumgesellschaft nicht nur für viele keinen tieferen Sinn mehr bereithält, sondern obendrein sogar noch dafür sorgt, dass wir uns zunehmend voneinander entfernen.

Darum war es für mich eine Offenbarung, im Studium soziologische Theorien kennen zu lernen, und zu erfahren, dass bereits viele unterschiedliche Denker zu derselben Diagnose gekommen sind, wenngleich sie auch unterschiedliche Zukunftsperspektiven für unsere Gesellschaft sehen.

In jedem Fall bergen die soziologischen Theorien großes Erklärungspotential, um die Frage zu beantworten, warum unsere Gesellschaft eigentlich so ist, wie sie ist. Im Folgenden habe ich einige Theorien aus meinen Notizen heraus noch ein wenig aufbereitet, veröffentliche sie hier aus Zeitgründen aber vorerst relativ unverändert, weil ich, wie man an der geringen Anzahl neuer Veröffentlichungen in letzter Zeit deutlich ablesen kann, selbst Sklave der Sachzwänge bin.

Einige Grundbegriffe

Es gibt drei Dimensionen soziologischer Theoriebildung:

Pathologiediagnosen sind der Versuch, entlang dieser drei Dimensionen Fehlentwicklungen der gesellschaftlichen Veränderungen zu erkennen.

Man unterscheidet Handlungs- und Strukturtheorien. Bei Handlungstheorien bilden die Intentionen der einzelnen Akteure das/die gesellschaftliche Gesamtbild/Struktur (Aggregation individueller Handlungen, Emergenz). Bei Strukturtheorien beeinflussen/bilden bereits vorherrschende gesellschaftliche Strukturen den/das individuelle(n) Willen/Handeln. Interaktionstheorien gehen von einer Wechselwirkung dieser beiden Dimensionen aus.

Weiter geht’s mit den Begriffen Modernisierung, Domestizierung, Rationalisierung, Differenzierung:

Der Modernisierung wohnt i. d. R. die Domestizierung inne, d. h. wir unterwerfen uns die Natur durch Technik (häuslich machen der Natur, z. B. mittels Temperatur- und Lichtregelung). Pathologisch wird das dort, wo wir damit die Natur zu zerstören drohen. Rationalisierung meint dass die Welt um uns herum zunehmend berechenbar/beherrschbar gemacht wird.

Nur rational-nachprüfbare Experimente gelten in der Wissenschaft; in der Wirtschaft das rational-effiziente. Weber/Habermas pathologisieren das als Sinnverlust derer, die ihr Leben dem Diktat von Zeit und Geld, der Effizienz, den Sachzwängen unterordnen.

Differenzierung bezieht sich auf die Arbeitsteilung, und damit Entfremdung von einem höheren Ziel, einer größeren Gemeinschaft; im Gegenteil, die Gemeinschaften zersplittern zunehmend.

Da, auch durch die Modernisierung, die Individualisierung enorme Ausmaße angenommen hat, bedeutet das, dass wir nicht nur immer mehr wählen können, sondern müssen: Religion, Ehepartner, Wohnort, Arbeitsstelle, Beruf, Politische Einstellung, Freunde, Überzeugungen, …, weshalb Traditionen und Konventionen ihren verpflichtenden/verbindlichen/verbindenden Charakter verlieren. Jeder ist für sein Glück selbst verantwortlich. Pathologisch ist die Vereinsamung, die daraus entsteht, dass jeder nur noch auf sich, nicht mehr auf den anderen schaut.

Gesellschaftlich sind wir laut SINUS-Jugendstudie mittlerweile da angekommen, dass die Jugendlichen sich wünschen, so zu sein wie alle anderen, und sich – genau wie in der Definition im Lehrbuch – nur noch in der Wahl ihrer Konsumprodukte voneinander unterscheiden.

Karl Marx

Karl Marx hat eigentlich keine Revolutionstheorie verfasst, auch wenn es diese in der Praxis wurde, schon gar nicht hat er eine klare Vision vom Kommunismus gezeichnet. In der Gesellschaft ist dieser Irrglaube so weit verbreitet, dass man jegliche Kritik am Kapitalismus insbesondere unter Bezugnahme auf Marx dadurch abschmettern kann, dass man einfach sagt „Du hast doch gesehen, dass Marx‘ seine DDR nicht funktioniert hat!“. Nur war Marx‘ Hauptwerk eigentlich eine Kapitalismusanalyse. Nicht weniger, aber offenbar auch nicht viel mehr.

Soziale Verhältnisse wechseln ständig, die Produktivkraft erhöht sich beständig, Beziehung zwischen Produktivkräften (Kenntnisse, Fähigkeiten, Maschinen; Dynamis) und Produktionsverhältnissen (= Besitzverhältnisse über Produktionsmittel: Maschinen/Instrumente; sowie Verteilung von Produktion und Konsumation; Synthesis) ist „historisch-dialektischer Materialismus“. Arbeitsteilung wird notwendig, um die/das Schnelligkeit/Wachstum bewältigen zu können („komplexere soziale Organisation wird notwendig“, d. h. es kann nicht mehr einer alles alleine produzieren).

Mit historischer Dialektik meint Marx dass die wachsenden Produktivkräfte die gesellschaftliche Ordnung immer wieder revolutionieren (es gab die Dampfmaschine, aber erst als es auch Fabriken gab, also viele Arbeiter, brachte dies einen produktivitätsbedingten Umsturz).

Es kommt zu Überproduktionskrisen: Mit immer weniger Arbeitern werden immer mehr Güter hergestellt. Die Arbeiter haben aber gar nicht so viel Geld um diese Güter abzunehmen, gleichzeitig konzentriert sich das Vermögen bei wenigen. Dies ist für Marx der Grund, warum der Kapitalismus (wenn auch produktiv und historisch notwendig) dem Kommunismus wird weichen müssen (mit einer kurzen Zwischenphase des Sozialismus), da der Kapitalismus nicht in der Lage ist den Reichtum dieser Güter auf die Menschen/Arbeiter zu verteilen. Darum wird sich dieses System nicht aufrecht erhalten lassen: auf der einen Seite viele Produkte, auf der anderen aber keine Abnehmer dafür.

Gesellschaftlicher Reichtum als ungeheure Warensammlung.

Wie entwickelt sich die Geschichte? Nicht von allein, sondern durch den Kampf der Sozialen Klassen, die um den Besitz über die Produktionsmittel ringen – den Klassenkämpfen.

Was sind Klassen?

Marx‘ Ansatz in drei Worten: historisch (wg. Verständnis für Gesellschaft), materiell (weil Ökonomie die Basis ist), dialektisch (weil der Fortschritt die Widersprüche aufheben wird: These/Setzung, Antithese/Widerspruch, Synthese/Aufhebung der Widersprüche/Gegensätze – z. B. Gegensatz von Heiß/Kalt wird im Konzept der Temperatur aufgehoben)

Strukturtheoretisch, weil die Menschen die gegebenen gesellschaftlichen Umstände vorfinden.

Kapital: Geld, das zur eigenen Vermehrung eingesetzt wird statt zum Warenerwerb.

Statt W-G-W (Geld als Tauschmittel für unmittelbaren Konsum der Waren; gleicher „Geldwert“, aber jeweils subjektiv höherer Gebrauchswert) kommt es im Kapitalismus zu G-W-G‘ (wobei G‘ minus G der Profit ist). Das Kapital wird zum eigentlichen Beweger der Gesellschaft.

Wirklicher Wert wird für Marx nur durch die eingesetzte Arbeitskraft/Arbeitszeit gebildet, d. h. der Preis müsste die Arbeitszeit widerspiegeln, die für die Herstellung erforderlich ist.

Durch Maschinen müsste der Preis also sinken. Dadurch dass der Arbeiter vom Unternehmer nicht auch den Mehrwert für das von ihm erschaffene Produkt erhält, sondern nur seine Arbeitskraft/Arbeitszeit bezahlt bekommt, kommt es systemimmanent zur Ausbeutung („Kommodifizierung“ von allem: Waren, Menschen, Beziehungen, Zeit, …).

Die Gesellschaft ist hochdynamisch, weil die Akteure ständig schneller/günstiger/effizienter als die Konkurrenz sein müssen. Es müssen Sachen erfunden werden, usw. usf.

Da die Arbeitnehmer nur den Gegenwert für ihre Arbeitskraft/-zeit erhalten haben, nicht für den von ihnen geschaffenen Mehrwert, der ja als Profit beim Unternehmer bleibt, können sie die von ihnen geschaffenen Waren nicht selbst kaufen. Demnach müssen Absatzmärkte anderswo erschlossen werden. Logische Folge: Irgendwann wird es auf der Welt keine „Absatzmärkte“ mehr geben, und Marx hat mit wenigen Worten schon 1848 aufgezeigt, warum auch die Globalisierung nur ein letzter Versuch ist, sich an die wenigen verbleibenden Strohhalme zu klammern. („Proletarierer aller Länder, vereinigt euch!“ impliziert bereits zu diesem Zeitpunkt, dass der Kapitalismus sich in alle Länder der Welt versuchen wird auszudehnen und alle Ressourcen aufzusaugen und auch dahin zu exportieren.)

Positiv ist, dass durch die wachsende Produktivität zum ersten Mal die Chance bestand, Hunger und Elend zu überwinden: man muss nicht mehr mehr Energie investieren, um ein bisschen Essen zu extrahieren, sondern ein einzelner Farmer kann für sich selbst und viele andere Menschen Maiskolben anbauen und wieder ernten, ohne dabei besonders viel (eigene, also körperliche) Energie zu investieren.

Es muss eine klassenlose Gesellschaft geben, in der die Unterschiede in der Kaufkraft weitestgehend minimiert wurden, damit ein Kapitalismus (dann: Kommunismus) funktionieren kann, bei dem sich der Kaufpreis danach richtet, was die Käufer denn überhaupt aufwenden können.

Monopolbildung des Kapitals ist die natürliche Folge des Kapitalismus; kleine und mittlere Unternehmen können dem Konkurrenzdruck nicht mehr standhalten und werden selber zu Proletariern; später werden Arbeiter selbstbewusst, weil sie lernen, den Produktionsprozess zu beherrschen, sich also von ihren „Herren“ emanzipieren (Klasse für sich: Revolution).

Entfremdung: Fremdbestimmte Zwecke entfernen vom Arbeitsprozess (keine Selbstverwirklichung im Arbeitsprozess sondern Fremdverwirklichung); Zweck der Tätigkeit ist entfremdet; keine Arbeit in der Natur durch völlige Domestizierung; Selbstentfremdung durch Verkauf des eigenen Lebens an das Profitgesetz; Entfremdung der Menschen untereinander als Folge der eigenen Entfremdung von sich selbst: die Beziehungen werden warenförmig, zu austauschbaren Objekten, während paradoxerweise die Waren als das eigentlich Wertvolle stilisiert werden (Warenfetisch).

Warenfetisch: Dadurch dass der einzelne Mensch im arbeitsgeteilten Prozess (Taylorismus) von dem Produkt so entfernt ist, bewundert er das Produkt, also das Ergebnis „seiner“ (Mit-)Arbeit, weil er es garnicht mehr als seine eigene Arbeit erkennt. So kommt es dass der Mensch eher Waren als Menschen bewundert, denn Waren sind schillernd, die Menschen verrichten alle eher profane Tätigkeiten. Dass man nicht sieht was man produziert hat ist erforderlich, um vor den Menschen zu verbergen, was sie geschaffen haben, und was ihnen dann letztlich weggenommen wird, gleichsam einer Enteignung.

Verdinglichung: Unterwerfung der menschlichen Existenz unter ein Verhältnis der Waren/Sachen.

Max Weber

Wie Marx sah Max Weber den Kapitalismus als wesentliche gesellschaftliche Änderung (als „schicksalsvollste Macht unseres modernen Lebens“), aber weniger die Produktion, sondern die damit einhergehende Art der Lebensführung, und wie diese Welthaltung (das In-die-Welt-gestellt-Fühlen) in Wirtschaft, Wissenschaft, Staat zum Ausdruck kommt.

Die Wissenschaft analysiert zwar wie wir leben, und wie wir leben könnten, aber sie ist nicht in der Lage die Frage zu beantworten wie wir leben sollen. Diese Aufgabe kommt Philosophen, Politikern, Religionen, …, zu. Aus diesem Grund beschäftigte Weber sich sehr stark mit Religionen und was sie zu unserer Art zu Leben beitragen.

Bei Weber spielt die Handlungsintention (Weltdeutung, Handlungsziele, soziale Handlungen) der Akteure eine zentrale Rolle, weshalb Webers Ansatz handlungstheoretisch ist (= methodologischer Individualismus; ein Ansatz ist erst erklärt, wenn Phänomene auf konkrete Handlungen der Akteure zurückgeführt wurden).

Aber: Die Motive sind wichtiger (Abgrenzung zu Intentionen und Trieben): Warum nehmen Menschen ihren Beruf so wichtig, warum fügen sie sich in Herrschaftsverhältnisse?

Beispiel: Moderne Menschen, die das Gefühl haben, ihre Identität beruhe allein auf ihrer beruflichen Tüchtigkeit.

Soziales Handeln: Ausgestattet mit subjektivem Sinn (z. B. Absicht) des Handelnden, gleichzeitig bezogen auf das Verhalten anderer.

Weber unterscheidet vier Bestimmungsgründe des Handelns:

Beispiel Calvinismus: Beruflicher Erfolg bedeutete für Calvinistische Protestanten, dass Gott sie anerkannte. Demnach flüchteten sie sich aus einem Angstaffekt in die Arbeit, um vor Gott nicht als „faul“ zu gelten. Der Calvinismus mit seiner Arbeitswut hatte laut Weber Einfluss auf die Moderne.

Positivismus, also die Auffassung dass die Wissenschaft immer wertfrei-objektiv ist, lehnt Weber ab. Denn Forschung kommt ja überhaupt erst in Gang, weil jemand etwas für wichtiger befunden hat als etwas anderes, und damit ist bereits eine Wertbeziehung zu den Untersuchungsgegenständen erschaffen worden.

Kapitalismus: bricht mit allen ehrwürdigen Traditionen; ist rastlos und unbeschränkt auf Steigerung der Produktivität/Produktion ausgelegt. Nicht mehr die Bedarfsdeckung, sondern in der Vermehrung des Profits liegt jetzt das Motiv des kapitalistischen Wirtschaftens:

Als irrational(e Lebensführung) empfindet Weber, dass die Gewinne nicht angestrebt werden, um dann verbraucht und im Luxus genossen zu werden, sondern dass der Sparzwang einfach immer weitergeht, obwohl der Wohlstand durch ständige Reinvestitionen immer größer wird (G-W-G‘). Dies verlange ein starkes Motiv: aktiv-weltverneinende Haltung des Protestantismus, insbesondere des Calvinismus.

Protestantismus-These: die Protestanten/Calvinisten (Luther, Calvin) hätten höheres Bildungsniveau/Berufserfolg gehabt, deshalb habe sich deren Art, keine Minute nutzlos verstreichen lassen zu wollen und in harter Askese (Gewinnmaximierung; Verschwendung vermeiden) zu leben auf den späteren Kapitalismus übertragen. (Langfristig stirbt der religiöse Sinn/Ursprung dieses Verhaltens ab, wird gleichsam selbst wegrationalisiert, wird selber zu einer Art Zeitverschwendung, welche das Gewinnstreben hemmt und einen Wettbewerbsnachteil einbringt.)

Sozialer Wandel: affektuell-traditional → zweckrational-wertrational; Vergemeinschaftung → Vergesellschaftung; Gemeinschaften/Familie → Bürokratie/Zweckverband/Partei [zunehmende Rationalisierung]

Pathologie: Entzauberung, Freiheitsverlust, Sinnverlust

Keines unserer Systeme (Wissenschaft, Recht, Wirtschaft, …) kann die Frage nach dem Sinn (wie sollen wir leben?) beantworten. Alles Geheimnisvolle/Außeralltägliche verschwindet durch Systematisierung/Rationalisierung/Berechnung/Kontrolle und damit schwindet der Sinn. Bürokratie usw. wird zu stahlhartem Gehäuse der Hörigkeit, wir fügen uns den Sachzwängen.

Der Puritaner konnte aufgrund seines Gottesbildes erklären, warum er so lebte, wie er lebte, er wollte Berufsmensch sein. Wir können nichts mehr erklären, wir müssen Berufsmensch sein.

Weber schlägt charismatische Führungsfiguren als Ersatz für Sinngeber/Werte/Gott vor, diese sollten aber (siehe z. B. NS-Zeit) verantwortungsethisch agieren, also die Folgen bedenken, nicht gesinnungsethisch (bedenkt keine Folgen).

Georg Simmel

Gesellschaft ist kein Gebilde, sondern ein andauernder Prozess. Zugehörigkeit der Menschen in der Gesellschaft und miteinander. Besonderes Interesse: Auswirkungen der modernen Geldwirtschaft anhand des Vergleichs Dorf – Großstadt. Simmel als Synthese von Marx und Weber: Wechselwirkungen zwischen Individuen, Individuen und Gruppen, und Gruppen untereinander (Interaktionstheorie).

Grundfrage: Wie ist Gesellschaft möglich? Wie entsteht Gesellschaft?
Wenn und weil drei soziologische Apriori erfüllt sind:

Wandel der sozialen Kreise, ausgelöst durch die Individualisierung veränderten sich Form und Größe der sozialen Kreise:

Verdeutlicht an Vergleich zwischen Dorf – Großstadt:

Pathologie: Vermassung (= Massenkultur), Vereinsamung, Tragödie der Kultur (= Kulturverfall)

Tragödie der Kultur: Symptom ist die Massenkultur.

Theodor W. Adorno, Max Horkheimer

Adorno sah nicht wie Marx einen versöhnten Kommunismus auf den Kapitalismus folgen, sondern eine bürokratische totalitäre Herrschaft (bis zu soetwas wie dem Nationalsozialismus); dies wurde aufgegriffen von der Studentenbewegung/RAF.

Naturbeherrschung sei nicht Fortschritts- (Marx), sondern Verfallsgeschichte: Große Depression hat den Kapitalismus nicht vernichtet, die Revolution der Proletarier blieb aus. Statt Solidarität kam es zum Nationalsozialismus (Herrschaft über Menschen als Form noch pervertierterer Ausbeutung), es bildeten sich Monopole.

Exkurs Marx: Ausbeutung würde überflüssig werden, die Arbeiter würden angesichts der Kenntnis des Produktionsprozesses (viel Ertrag mit wenig Aufwand) merken dass sie für sich selbst sorgen könnten, wenn sie sich die Produktionsmittel aneigneten. Angesichts des gigantischen Warenreichtums würden sie verstehen, dass das System unfair ist, weil wenige ganz viel und sie selber alle aber ganz wenig haben, und dagegen vorgehen. Sie würden gegen die rechtliche Gleichheit, die eine ökonomische Ungleichheit ermöglicht, vorgehen. Dies blieb aber bis heute aus.

Leitfrage der Kritischen Theorie: Warum erkennen die Menschen nicht, dass ihr Leid mittlerweile unnötig geworden ist, dass sie die Natur genug beherrschen, um nicht hungern zu müssen, und dass sie nicht länger gegeneinander arbeiten müssen? Warum kämpfen sie nicht gegen die immer weiter getriebene, unnötige Ausbeutung an – gegen die enorme Vermögenskonzentration in den Händen einiger Weniger?

Antwort Adornos/Horkheimers: Die Menschen sind so „[total] integriert“ in das System, dass sie sich gar nichts anderes vorstellen können – sie glauben, das System sei so, wie es sein müsse. Sie wachsen unter Angst/Abhängigkeit auf und tendieren darum eher zu Anpassung/Unterordnung als zur Revolution/Widerstand („Freudomarxismus“/Sozialpsychologie).

Vorschlag eines Interdisziplinären Materialismus: Nach Horkheimer brauchen wir also eine interdisziplinäre Forschung zwischen Persönlichkeit – Kultur – Wirtschaft, weil nicht allein die Produktionsverhältnisse das revolutionäre Bewusstsein erschaffen, wie Marx es sich erhoffte. Es braucht darüber hinaus eine Einwirkung auf die Kultur und die Berücksichtigung der Persönlichkeitstypen der Menschen.

Kritik am Positivismus der Soziologie (Zementierung des Status quo):
1. untersucht die Wissenschaft (der Soziologie) nur „Empirisches“, kümmert sich also ebenfalls nur um „Zählbares“, Klassifizierbares, Beobachtbares, Messbares. Damit ist sie keinesfalls wertfrei (im Sinne von vorurteilsfrei), wie sie behauptet, und zementiert damit den Status quo. Sie trägt damit nämlich nicht dazu bei, das Irrationale, Unvernünftige, Widersprüchliche, Unsichtbare, Nichtmessbare in der Gesellschaft zu verstehen.
2. benutzt die Wissenschaft (der Soziologie) Begriffe, die selbst aus der Gesellschaft kommen, die es eigentlich zu verändern gilt, z. B. den Begriff der Rolle, welche Herrschaftsverhältnisse dadurch stabilisiert, indem man Menschen in Rollen einteilt, die nicht naturgegeben sind.
3. verschleiert die Wissenschaft (der Soziologie), dass ihre Begriffe und Fakten auf die bestehende Gesellschaftsordnung geformt sind.

Statt kommunistische Freiheit folgt Staatskapitalismus, weil die gebildeten Monopole immer mehr politische Absprachen treffen und immer mehr selbst Politik machen: ob „legitimiert“ oder durch Korruption. Um die Krisenhaftigkeit des Kapitalismus zu überwinden (d. h. Stabilität zu schaffen) kommt es dann zu einer kapitalistischen Planwirtschaft (anstelle eines Sozialismus). Damit hätte erneut nicht das Proletariat die Fäden in der Hand, sondern – wie in China – eine Handvoll Ausgewählter. Dem Profitstreben und der Ausbeutung, dem „Benutzen“ der Menschen wie Waren, wird dann weiterhin nichts entgegen gesetzt.

Die Revolution bleibt aus, weil die aufgestauten Aggressionen nach oben zu entladen zu riskant ist für den Selbsterhaltungstrieb, weshalb in der kapitalistischen Gesellschaft das „nach oben buckeln, nach unten treten“-Prinzip verankert ist. So kann man im System bleiben und gleichzeitig Aggressionen loswerden.

Das würde auch erklären, warum es keinerlei sichtliche Aggression gegen Multimilliardäre gibt, die nicht im geringsten daran denken von ihrem unmoralisch erhaltenen Reichtum etwas abzugeben, sondern die Abgehängten lieber Mittellose (Flüchtlinge, Obdachlose) anzünden.

Und zuletzt: Kulturgenuss dient nur noch der Regeneration der Arbeitsfähigkeit statt der Auseinandersetzung mit der Kultur. Selbst Kultur wird also nur noch konsumiert.

Zusammenfassung: Unsere moderne Gesellschaft ist ein totalitäres System bzw. ein total integriertes System, weil alle Menschen letztlich nur noch Rollen entsprechen, sich selbst verdinglichen, um das System der Profitmaximierung und Herrschaftssicherung aufrecht zu erhalten.

Ein revolutionäres Bewusstsein würde an dieser Stelle nur entstehen, wenn die Illusion zerstört werden würde, dass Arbeitskraft gegen Geld tauschbar sei; wenn also die Menschen erkennen würden, dass sie nicht Gleiches für Gleiches geben [Verdinglichung statt Tauschverhältnisse, Warenfetisch], sondern (nach wie vor) ausgebeutet werden, dass diese Gesellschaft keineswegs gerecht oder chancengleich ist.

Kulturindustrie: Das Streben der Menschen wird in den Konsum [Warenfetisch] umgelenkt und darauf beschränkt, und dadurch, dass die Kultur Warencharakter besitzt, sogleich das Bedürfnis nach Konsum befriedigt. Man geht nicht auf die Straße, weil man von sich aus denkt dass etwas falsch läuft. Man konsumiert im Film [Massenmedien], dass etwas falsch läuft, bezahlt sogar noch dafür, und geht nach Hause, in dem Bewusstsein, dass sich offenbar schon jemand darum kümmert, bzw. die anderen könnten sich ja auch darum kümmern, die das gesehen haben, aber man selber hat gar nicht mehr die Kraft (die Zeit, das Geld), denn morgen muss man schließlich wieder arbeiten.

Unterhaltung als Glücksersatz; hedonistisch-passiver Kulturwarenkonsum (Manipulation des Publikums), Einschränkung der Bedürfnisse auf die, die per Konsum befriedigt werden können (standardisierte Massenkultur, Ähnlichkeit), Pseudoindividualität durch Konsum/Werbung/Starkult.

„Es gibt kein richtiges Leben im Falschen“ (Adorno): In einer menschenunwürdigen kapitalistischen Verwertungsgesellschaft kann man kein gelingendes Leben führen, weil man Teil des Systems ist.

Jürgen Habermas

Machte 1945 als Jugendlicher die Erfahrung, dass die Moderne sich selbst gefährdet (hatte die NS-Zeit als auch die freiheitlich-demokratische Bundesrepublik miterlebt). Die Modernisierung bietet für ihn Chancen und Gefahren, es verlaufen viele Entwicklungen parallel. Obwohl er mit Adorno usw. übereinstimmt, sieht er die Katastrophe nicht als zwangsweise an.

Seine Grundfrage: Wie gelingt ein modernes Leben, das sich nicht selbst gefährdet?

Daraus ergeben sich weitere Fragen:

Habermas will eine vollständige Moderne, d. h. belebte und unbelebte Natur sollen in Solidarität kommen, der demokratische Rechtsstaat soll mit dem Kapitalismus ins Gleichgewicht kommen, die technische Entwicklung soll also nur ein Teil des zivilisatorischen Fortschritts sein statt das Bestimmende.

Er will ein Gleichgewicht zwischen Wachstums-/Kapitalismusgläubigen (falsches Ziel) und Wachstumskritischen Sozialromantikern (falscher Weg) schaffen, indem er Modernisierung nicht als Naturbeherrschung sondern als Rationalisierungsvorgang begreift:

Wir brauchen einen Vernunftbegriff der nicht nur die Wahl der Mittel zur Zielverwirklichung ermöglicht, sondern auch eine Bewertung der Ziele. Wie ließe sich dieser Vernunftbegriff „begründen“?

Wir müssen die Vernunft auch verwirklichen, d. h. keine rationale Mittelwahl ohne Berücksichtigung der Vernünftigkeit der Handlungsziele. Warum passiert das nicht?

Zuerst muss das Handeln der Akteure verstanden werden, und das erfordert deren Motive zu kennen (Handlungstheorie). Damit man nichts hineinprojiziert (wie Webers verstehende Theorie) muss der Vernunftbegriff rational geklärt werden und universell anwendbar sein, also für alle Gesellschaften gelten.

Also: Vernunftstrukturen identifizieren, um die Gesellschaft daraufhin nicht nur beschreiben, sondern damit die sozialen Verhältnisse fundiert kritisieren zu können, um auf sie einzuwirken, damit sie sich selbst korrigieren kann (Praxis-Dimension). Dafür muss das Ideal aber auch von der Gesellschaft selbst zumindest implizit geteilt werden.

Wenn Modernisierung gleich Rationalisierung ist, dann muss die Vernunft in der Gesellschaft (die ja die Rationalisierung anwendet) zu finden sein. Habermas bricht mit der frühen Kritischen Theorie (und mit Marx) darin, dass er nicht die Produktionsverhältnisse hierfür verantwortlich macht, sondern wie die gesellschaftlichen Machtbeziehungen/-verhältnisse gerechtfertigt werden.

Warum ist nicht derjenige mächtiger, der mehr Produktionsmittel besitzt? Weil der Staat mittlerweile hierüber trotzdem Macht ausüben könnte. Zwischen den Menschen und dem Besitzenden könnte also der Staat regulierend eingreifen.

Kommunikations-/Verständigungsverhältnisse (Synthesis): Drei Geltungsansprüche: Erstens geht man in der Gesellschaft davon aus dass das, was jemand sagt, richtig, wahr und wahrhaftig ist und dass sie ihre Aussagen im Zweifel begründen können („kommunikative Vernunft“).

Habermas unterscheidet kommunikatives Handeln und strategisches Handeln bei den sozialen Handlungen. Das eine dient der Verständigung, das andere dem Erfolg. Das muss nicht sprechen sein, kann auch blindes Verständnis sein. Sie verständigen sich darüber, was sie erreichen wollen (über ein Handlungsziel), und setzen dieses dann strategisch auf Grundlage asymmetrischer Machtverhältnisse um.

Wie kann sich kommunikative Rationalität/Vernunft entfalten?

Die Dynamik der gesellschaftlichen Entwicklung ergibt sich daraus, dass Menschen an „handlungsleitenden Vorstellungen“ scheitern (z. B. Dürre trotz Regentanz). Wie sie dann damit umgehen ergibt sich aus ihrer Verständigung untereinander („Entwicklungslogik“). Die Akteure müssen also traditionelle Tabus brechen/hinterfragen/kritisieren/verteidigen und sich einigen, ob sie der z. B. Regentanz noch weiterbringt (kommunikative Vernunft/Rationalität).

Dazu muss das Weltbild als sprachlich vermittelte Weltdeutung kritisierbar gemacht werden. Wo keine Kritik zugelassen wird kann sich auch nichts ändern.

In der traditionalen Gesellschaft waren die drei Bereiche stark verbunden; heute nicht mehr.

Heute gelten Geld und Macht, es werden keine Fragen mehr gestellt wofür das Produkt gebraucht wird oder wofür der Chef das will. Wirtschaft und Verwaltung sind sittlich neutralisiert, man verweist einfach auf seine Machtposition, es herrscht eine durch systemische Zwänge von oben nach unten legitimierte/bedingte funktionalistische Vernunft, völlig unempfindlich gegenüber normativen Ansprüchen/Kritik. Und im Gegensatz zur Ehefrau kann ein Angestellter nicht „einfach“ gehen, weil die komplette Wirtschaft/Verwaltung auf dieser Art von „Tyrannei“ basiert.

Zwar brachte das große „Rationalisierungsvorsprünge“ (pro), aber Kapitalismus und Staatsapparat lösen nach Habermas die heutigen sozialen Missstände aus (contra).

Pathologie: Materielle Reproduktion ist unproblematisch, aber Wirtschaft/Staat werden nicht über Verständigung koordiniert sondern über das Recht. Wir müssten also über das Recht, und hierfür in einer gesellschaftlichen Verständigung, darüber entscheiden ob wir das so weiterführen wollen. Es gewinnt entweder das System oder die Gesellschaft vor dem Recht. Und für dieses Recht muss die Gesellschaft kämpfen, es kommt nicht von alleine. Momentan herrscht eine Kolonialisierung der Lebenswelt durch die Systeme vor, so Habermas. Das gilt es wieder umzudrehen, also Staat und Wirtschaft von der Gesellschaft über das Recht zu kontrollieren.

Beispiel: Statt einen benachteiligten Bürger in der Gesellschaft wieder gleichzustellen und zu integrieren wird ihm lediglich, gleichsam einem Produkt/Konsumenten, ein finanzieller „Ausgleich“ für seine Situation zugesprochen anstatt das eigentliche Problem zu lösen. Diesen Bürokratismus, den Weber vorhersagte, der eine autonome Lebensführung unmöglich macht, weil er die Gesellschaftsmitglieder in Kategorien einteilt und verwaltet wie Dinge, gibt es nach Habermas nur, weil Staat/Kapitalismus eine bestimmte Grenze überschreiten, dann nämlich, wenn nur noch nach dem Effizienzprinzip (und Technisierung) verfahren wird in Wirtschaft/Verwaltung: was sich nicht rechnet, ist der Diskussion nicht wert.

Auch darf die Kultur nicht in Expertenkulturen eingekapselt werden, sondern muss allen zugänglich sein, damit die Lebenswelt/Gesellschaft kulturell nicht verarmt. Das ist wiederum wichtig, weil die Rechtsstaatlichkeit sich nach der öffentlichen Meinungs- und Willensbildung zu richten hat. Und damit das gelingt, muss diese überhaupt fundiert stattfinden können. Die Menschen müssen sich also bilden und in einen Diskurs miteinander treten, um ihre Lebensverhältnisse in der rechtsstaatlichen Demokratie „mit Willen und Bewusstsein“ zu gestalten.

Habermas will nicht nur eine instrumentelle Rationalität/Vernunft in Technik und Wissenschaft, sondern auch eine Vernunft/Rationalität in Kunst, Kultur, Moral, kollektiver Selbstbestimmung und individueller Selbstverwirklichung, d. h. eine Vernunft die mit Gründen erörtert werden kann.

Heutzutage könnte man das Leben also eigentlich autonom gestalten; ohne Tradition oder Ähnlichem die Kulturelles Wissen/Gesellschaftliche Ordnung/Persönliches Verhalten vor dem kritischen Hinterfragen und aktivem Gestalten abschirmen würden.

Niklas Luhmann

Autopoiesis: Selbstschöpfung, weil die autopoietischen Systeme selbstreferentiell operieren. Sie sind operativ geschlossen (z. B. die Wirtschaft), und auf dieser Grundlage umweltoffen, d. h. sie beobachten ihre Umwelt (z. B. die Politik). D. h. egal was in der Wirtschaft genau abläuft, sie erhält sich selbst, sie ist aber nicht zwangsweise unabhängig von ihrer Umwelt.

Soziale Systeme entstehen durch Sinn, weil eine Entscheidung für eine Alternative immer auch eine gegen eine andere ist, und daraus ergibt sich ein gewisser Sinn.

Soziale Systeme bestehen nicht aus Menschen (weil Luhmann psychische, biologische usw. Systeme einfach ausblendet) oder Handlungen (das sei zu oberflächlich beobachtet: erster Blick), sondern im zweiten Blick (Luhmann: Soziologie als zweiter Blick) als Beobachtung, wie Akteure ihre Umwelt beobachten.

Die Handlung selbst ist zu vereinfacht, denn sie bedarf zuerst einer Beobachtung. Und dann wird gehandelt. Also schauen wir uns an wie die Menschen das soziale System, das sie selbst mitbilden, beobachten.

Die Autopoiesis der sozialen Systeme kann also nur durch Kommunikation geschehen, die wiederum erforderlich macht dass Beobachtung stattfindet.

Konstruktivismus: Luhmann bezeichnet seine Theorie als konstruktivistisch, weil wir selbst Teil der Gesellschaft sind und deshalb keinen objektiven Blick von außen bekommen. Wir können uns also nur mit möglichst guten Theorien an eine möglichst akkurate Beschreibung annähern – wie die Gesellschaft jetzt ist, wie sie früher war usw.

Wir können nur aus unserer eigenen Sicht heraus konstruieren, es gibt keinen objektiven Blickwinkel. (Im Extremfall sieht der eine Umweltzerstörung, wo die Wirtschaft Ressourcen sieht…). Die Soziologie ist selbst Teil der Gesellschaft und verändert sie mit jeder soziologischen Kommunikation. Die Wissenschaft ist ebenfalls nur ein Teilsystem, darum kriegt sie ebenfalls nicht alles in den Blick zweiter Ordnung.

Früher waren die Gesellschaften nach Familien/Klans segmentiert. Heute ist der Fortschritt der Differenzierung nicht unbedingt besser, sondern es gibt einfach mehr (differenzierte) bessere Entwicklungen aber auch mehr negative.

Umweltanpassung durch Strukturelle Kopplung in Unterscheidung zur Autopoiesis:

Pathologie: Entdifferenzierung, Umweltzerstörung, Exklusion

Fazit: Die funktional differenzierte Gesellschaft entzieht sich mit ihren Eigenlogiken den Wünschen der Menschen. Sie ist sehr stabil. Wenn man Teil der Gesellschaft ist bietet sie zwar viele Möglichkeiten, aber das lediglich im Sinne von Wahlfreiheit; keine echte/umfassende Freiheit (zu viele Systeme die einen begrenzen: Wirtschaft, Recht, Regierung, Bürokratie, …); eine Veränderung/Mitwirkung ist kaum möglich, weil viel zu komplex; die Menschen steuern die Gesellschaft nicht mehr, sie sind nicht länger ihr Zentrum (selbst die Regierung nicht).

Im Sinne der Verständlichkeit teilweise plastischere Darstellung der Inhalte.

Quelle: Hartmut Rosa et al., Soziologische Theorien, 2. Auflage

 

04.12.2016

"Wie viel bist du wert?"

Von , Nürnberg
 

Im amerikanischen Englisch, bzw. in den USA, ist es offenbar üblich, das Vermögen eines Menschen so zu benennen: “He is worth $300 million.”

Und es ist üblich, auf diese Art nach dem Wert seines Vermögens zu fragen: “How much are you worth?”

You? Warum ist ein Mensch, der mehr Geld hat, mehr wert?

Genau das wird nämlich durch diese sprachlichen Feinheiten impliziert, die tief in das kulturelle Verständnis einer kranken Kultur blicken lassen.

 

23.06.2016

Ehrliche Produkte

Von , Nürnberg
 

Wir müssen zurück zu ehrlichen Produkten.

Wenigen Produkten, und dafür guten Produkten.

Wir lassen uns finanziell ausnehmen, und das auf immer perfidere Weise. Die Billigwurst vom holländisch-polnisch-deutschen Großschlachter, die fertig verpackt im Supermarkt ausliegt, vermittelt uns den falschen Eindruck, wir würden importierte Qualitätsware von einem kleinen Gutsbauernhof aus Spanien kaufen.

Wir geben zu viel Geld aus für Dinge, deren Gegenwert nur wenige Cent beträgt, und die uns nicht selten sogar körperlich schaden — und in deren Wertschöpfungskette niemand außer die Unternehmensführung profitiert: weder die Gesundheit des Verbrauchers, noch die Mitarbeiter, und schon gar nicht die Tiere oder gar die Umwelt.

Und wir sind sogar selbst daran Schuld: Wir delegieren zu viel, geben zu wenig für das einzelne Produkt aus (und zu viel für unnötige Produkte), und verschließen die Augen, was und wen wir mit unserem Geld eigentlich unterstützen und welche gesellschaftlichen Krisen wir damit befördern.

Indem wir uns weigern, kleinen Herstellern mehr zu bezahlen, machen wir uns selbst zu abhängigen Melkkühen internationaler Großkonzerne, die danach trachten, uns die schlechteste Qualität zum höchstmöglichen Preis zu verkaufen anstatt bestmöglicher Qualität zum besten Preis.

Dies führt dazu, dass Minderware inzwischen zur mittelpreisigen Standardware wurde und echte Qualitätsware kaum mehr zu finden ist oder so teuer wurde, dass einige sie sich schon gar nicht mehr leisten können.

Wir müssen wieder mehr ausgeben für weniger — und Produkte von Menschen herstellen lassen, die Wert auf ehrliche Qualität legen und denen wir vertrauen können.

 

06.06.2016

Digitaler Minimalismus

Von , Nürnberg
 

Digitalisierung ist immer dann minimalistisch und sinnvoll, wenn man zum Beispiel Papierkram, Fotos und Musik aufheben will oder muss, ohne seine Wohnung damit vollzustellen. Vernünftige Datensicherung vorausgesetzt, ist das von langer Dauer und sehr bequem und spart viel Platz und schont (z. B. bei Neuanschaffung von Musik) sogar die Umwelt.

Minimalistisch ist es aber nicht, alles, was irgendwie geht, zu digitalisieren und dann im Datenmüll zu ersticken. Ich habe letztens 800 abonnierte RSS-Feeds auf jetzt noch 30 reduziert, und 100.000 gespeicherte E-Mails auf 4.000. Ich nutze kein Twitter und keinen Facebook-Newsfeed mehr. Ich habe den Newsletter meiner Website eingestellt, benutze keinerlei Statistiken mehr zur Auswertung von Besucherzahlen und habe sogar den Code meiner Website entschlackt.

Man muss auch im Digitalen ein Bewusstsein für Minimalismus entwickeln, dem Prinzip der Datensparsamkeit folgen sowie dem universellen Minimalismus-Prinzip: Für jede neue Datei fallen zwei andere weg.

Es ist nicht minimalistisch, alles, was in der Offline-Welt bisher ganze Schränke voll an Platz gebraucht hat, einfach zu digitalisieren und dann vorzugeben, man sei Minimalist, weil man im Kopf ganz genau weiß, was da eigentlich alles auf seinen Schultern lastet.

Da ist man mit dem kleinen Notebook und der vollen Festplatte zwar gewissermaßen auf den ersten Blick mehr Minimalist als der mit den vollen Schränken statt der vollen Festplatte, aber was bringt es, wenn man dauernd nur vor dem Bildschirm sitzt, um sein digitales Messie-Dasein zu verwalten, und sich von dem Chaos und dem Überfluss weiterhin gestresst fühlt?

 

06.06.2016

Ankommen

Von , Nürnberg
 

Ein Gefühl, angekommen zu sein, macht sich breit, wenn man sich von grandiosen, fernen Vorstellungen löst und sich erlaubt, sich mit weniger beziehungsweise dem, was man hat, zufrieden zu geben. Dabei soll die Zu-frieden-heit aus einem tatsächlichen inneren Frieden wurzeln, nicht weil man auf etwas Fernes verzichtet, sondern weil man freiwillig beim Nahen bleiben möchte.

Warum ist das wichtig?

Weil wir heute so viel Auswahl und so viele Möglichkeiten haben, dass es zu einem ernsten Problem wurde. Wie vor nur zwei Generationen der Mangel ernsthafte physische und psychische Probleme bereitete, so ist es heute der Überfluss.

Wir können aus so vielen Dingen wählen, sind so oft genötigt, Entscheidungen zu fällen, dass wir beinahe verrückt darunter werden.1

Mit jedem Gang Richtung Zukunft schafft man ein Stück Vergangenheit, und je näher man der spannenden Ferne2 kommt, desto weiter entfernt man sich von der vertrauten Nähe.

1 Schlimmer noch: wenn Überfluss und Mangel parallel auftreten, wenn beispielsweise jemand, der wenig Geld hat, eine Auswahl treffen muss, und sich keinen Auswahlfehler erlauben darf.

2 Vor nicht allzulanger Zeit war es ein Weltereignis, einen anderen Kontinent zu betreten. Menschen wurden berühmt, weil sie das taten. Heute können wir Filme schauend und Cocktails schlürfend die ganze Welt bereisen.

 

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