Minimalismus

 

13.12.2013

Wie viele Dinge braucht der Mensch?

Von
 

„Arm ist nicht der, der wenig hat, sondern der, der nicht genug bekommen kann.“
(Jean Guéhenno)

Bücher, DVDs, Besteck, Teller, Tassen, Handtücher, Socken, Hemden, Hosen, … diese Liste könnte man endlos weiterführen und würde viele tausend Gegenstände zusammenbekommen, die man in jedem Durchschnittshaushalt findet. Laut einer Statistik besitzt jeder Deutsche rund 10.000 Gegenstände und ständig kommen mehr dazu. Doch braucht man all diese Dinge wirklich? Welche Ausmaße hat der Konsumkosmos angenommen und warum machen wir uns überhaupt so stark von den Gegenständen in unserem Alltag abhängig?

10.000 Gegenstände. Das klingt nach sehr viel und man kann sich kaum vorstellen, so viele Dinge sein Eigen zu nennen, aber spätestens bei einem Umzug merkt jeder, dass man tatsächlich unzählige kleine Dinge besitzt. Ob man die auch wirklich alle braucht, diese Frage stellt man sich oft nicht. Wer seinen Kleiderschrank ausmistet, stößt oft auf Modesünden aus der letzten Saison oder auf Kleidungsstücke, die längst nicht mehr passen. Aber immer wieder finden wir Ausreden, warum diese Dinge es wert sind, aufgehoben zu werden. Die mittlerweile zu eng gewordene Hose wird als Grund zum Abnehmen aufgehoben. Schließlich könnte man ja irgendwann wieder hineinpassen. Die Cordhose, die noch vor einigen Jahren im Trend war, könnte ja eines Tages wieder modern sein. So sammeln sich Jahr für Jahr immer mehr Stücke an und irgendwann platzt der Kleiderschrank aus allen Nähten. Aus der Fülle der Kleidungsstücke, die man besitzt, resultiert zudem nicht nur Unordnung, sondern auch die häufig aufkommende Aussage, man hätte nichts anzuziehen, was unweigerlich im Kauf neuer Kleidungsstücke endet.

Was für Kleidungsstücke gilt, gilt auch für zahlreiche andere Dinge des Alltags. Man besitzt in der Regel mehr als zwei Handtücher, obwohl man im Grunde nicht unbedingt mehr bräuchte. In der Küche hat man Teller und Besteck für mindestens 20 Personen und so viele Töpfe wie in einer Großküche. Hinzukommen die unzähligen kleinen mehr oder weniger sinnvollen Küchenhelfer von der Kaffeemaschine über den Toaster und den Wasserkocher bis hin zu Sandwichmaker und Stabmixer. Wir sammeln so immer mehr Dinge an, mit denen wir uns unseren Alltag ein Stück weit vereinfachen wollen. Wir sparen Geld für einen großen Flachbildfernseher. Reicht uns der Klang nicht aus, kaufen wir dazu eine Soundanlage. Für die neusten Filme muss dann noch der passende Blu-ray-Player her. Auf diese Weise folgt auf eine neue Anschaffung meist eine weitere und so geht es immer fort, bis wir kaum noch Platz in unseren Wohnungen haben und in eine größere Wohnung ziehen müssen.

Das Geschäft mit dem Überfluss

Dass unsere Wohnungen immer voller werden von all unseren Besitztümern, haben sich längst findige Geschäftsleute zu Nutze gemacht. Besonders in großen Städten ist Stauraum wertvoll. Kleine Wohnungen ohne Abstellräume oder Bodenkammern bieten wenig Platz für unsere Schätze des Alltags. Self-Storage heißt der Trend, der aus den USA zu uns gekommen ist. Firmen bieten Räume in großen Lagerhallen, die man anmieten kann, um dort Dinge unterzustellen oder auszulagern. Für Menschen, die eine längere Reise unternehmen und nicht all ihre Habseligkeiten verkaufen wollen, ist das sicherlich ein interessantes Angebot. Es verleitet aber auch dazu, mit dem nötigen Kleingeld Besitztümer auszulagern, um Platz für Neuanschaffungen zu machen. Viele Dinge finden in solchen Lagerhäusern Platz: Überschüssige Möbel, Sammlungen, Akten – alle möglichen Dinge werden ausgelagert, weil die eigenen vier Wände dafür nicht mehr genügend Platz bieten. Für die Unternehmer ist der Überfluss also ein gutes Geschäft, denn bevor man sich von teils liebgewonnenen Gegenständen trennt, versucht man häufig Wege zu finden, um sie aufzubewahren.
Während die sogenannte „Selbst Einlagerung“ in den USA immer mehr zu einer Art Volkssport wird, ist sie in Europa und insbesondere in Deutschland nur langsam auf dem Vormarsch. In den USA gibt es bereits rund 50.000 solcher Lagerzentren, während es in ganz Europa nur knapp 1500 sind. Dennoch werden die vorhandenen Einrichtungen intensiv genutzt und das nicht nur von Firmen, die verschiedene Waren oder Akten und Unterlagen auslagern, sondern zunehmend auch von Privatpersonen. Auf diese Weise ist durch unseren stetigen Konsum und die Bindung, die wir oft zu Gegenständen aufbauen, ein Wirtschaftszweig entstanden, der in der Sammelleidenschaft vieler Menschen eine wahre Goldgrube gefunden hat.

Wie Sammelleidenschaft zur Krankheit wird

Jeder Mensch hat seine kleinen Kostbarkeiten und sammelt im Laufe seines Lebens verschiedene Dinge an. Daran ist grundsätzlich auch nichts auszusetzen, aber ich manchen Fällen schlägt die Sammelleidenschaft – meist verursacht durch traumatische Erlebnisse – in ein fast schon krankhaftes Horten von unterschiedlichsten Dingen um. Das Messie-Syndrom ist wohl die extremste Form von Sammelleidenschaft. Über die genauen Ursachen für das zwanghafte Sammeln sind sich Experten uneinig. Oft wird postuliert, dass schwere seelische Störungen die Krankheit verursachen. Oft geht es auf traumatische Ereignisse oder tief sitzende Verlustängste zurück. Das Festhalten der vielen kleinen wichtigen und unwichtigen Objekte des Alltags gibt den Menschen ein bisschen Sicherheit und hilft ihnen vermeintlich dabei, die Löcher in Ihrer Seele zu stopfen. Sie machen sich abhängig von ihren Besitztümern. Gleichzeitig ist das Chaos in der Wohnung ein Abbild des inneren Chaos.

Zudem findet sich im übermäßigen Sammeln von Gegenständen vermutlich eine große Angst vor Kontrollverlust. Messies müssen nicht unordentlich und extrem chaotisch leben. Einige Betroffene haben in ihren Wohnungen eine akribische Ordnung und sortieren alle Besitztümer nach einem strengen System. Jeder Joghurtbecher und jede Zeitschrift befindet sich damit genau an ihrem Platz und ist jederzeit griffbereit. Das Wissen, alle möglichen Dinge zu besitzen und jederzeit griffbereit zu haben, gibt den Menschen ein Gefühl von Sicherheit. Die sind für alle Eventualitäten gerüstet und haben damit die volle Kontrolle über ihr Leben und ihre Umgebung.

Haste was, biste was – warum wir immer mehr wollen

Wir kaufen CDs, Bücher, DVDs, Kleidung und Elektrogeräte; meist in der festen Überzeugung, diese Dinge unbedingt zu brauchen. Das Wettrüsten der Konsumenten nimmt immer neue und größere Ausmaße an und wir sammeln und sammeln. Wir kaufen Weihnachtsdekoration, Osterdekoration, Herbstdekoration, Frühlingsdekoration. Wir kaufen Computer, eBooks, Tablets, Smartphones, Fernseher, DVD-Player und Stereoanlagen. Wir kaufen Schnellkochtöpfe, Eisenpfannen, Bratpfannen, Grillpfannen, Wokpfannen und Schmorpfannen. All das um uns für jede Eventualität zu rüsten.

Im Grunde kauft man etwas, um eine Lücke zu schließen und ein bestimmtes Bedürfnis zu befriedigen. In den meisten Fällen verwechseln wir jedoch echte Bedürfnisse mit Wünschen. Werfen wir an dieser Stelle doch einmal einen Blick auf die tatsächlichen Bedürfnisse des Menschen. Der amerikanische Psychologe Abraham Maslow veröffentlichte bereits in den 1940er Jahren die Grundidee für eine Bedürfnishierarchie des Menschen. In dieser Pyramide wurden die neben den Grundbedürfnissen Essen, Trinken und Schlafen wichtigsten menschlichen Bedürfnisse zusammengefasst. Wenngleich diese sogenannte Bedürfnispyramide vielfach wegen fehlender Belege und theoretischer Grundlagen kritisiert wurde, so kann man darin dennoch wichtige Kriterien ablesen, die unser Leben und auch unser Konsumverhalten begründen. Maslow untergliederte die zusammengefassten Bedürfnisse in Defizitbedürfnisse, die aufgrund eines Mangels gestillt werden müssen, und die sogenannten Wachstumsbedürfnisse, die nicht aus einem Mangel resultieren, sondern unseren Drang nach sozialer Anerkennung und Selbstverwirklichung beinhalten. Die Defizitbedürfnisse, die nach (beruflicher und privater) Sicherheit sowie nach Liebe und Freundschaft streben sind weniger ursächlich für einen exorbitanten Konsum. Das Bedürfnis nach Anerkennung und Selbstverwirklichung hingegen führt oft zu einem starken Konsum.

Bereits von klein auf lernen wir, dass ein materieller Reichtum vorteilhaft für Ansehen und Status ist. Wer im Kindergarten tolles Spielzeug hat, hat viele Freunde, die mit dem Spielzeug und mit dem Besitzer spielen wollen. Wer in der Schule coole Klamotten hat, ist beliebt. Wer im Berufsleben ein großes Auto fährt und teure Markenkleidung trägt, genießt oft hohes Ansehen. Gleiches gilt für Wohnungen, die mit hochwertigen Möbeln, Kunstobjekten und vielen kleinen Schätzen eingerichtet sind und bei Besuchern für Staunen sorgen. Über die Dinge, die wir besitzen, definieren wir uns. Die Kleidung unterstreicht den Charakter, viele Bücher im Haus zeigen, dass der Besitzer belesen ist, Souvenirs von Reisen in ferne Länder zeigen, wo man bereits überall war. Auf diese Weise bauen wir unsere Identität um uns herum auf, denn was allein in uns ist, kann man von außen nicht sehen. Ohne Objekte, die eine Geschichte über uns erzählen, sehen die Menschen um uns herum nicht, wer wir sind und was wir bereits erlebt haben. Unsere Wohnung ist gewissermaßen der Spiegel unserer Seele.

Neben dem Wunsch, uns zu definieren und bei anderen Menschen Ansehen zu gewinnen, nutzt man Gegenstände oft dazu, sich an etwas zu erinnern. Fotos von Freunden und Familie stehen überall in der Wohnung, um uns die alte Zeit und schöne Erlebnisse in Erinnerung zu rufen. Souvenirs von einer Reise holen ein Stück des sorglosen Urlaubsgefühls zurück in den grauen Alltag. Oder der alte Teddybär, dem bereits ein Auge fehlt, lässt uns an die unbeschwerte Kindheit denken. Somit definieren wir mit den Gegenständen, die wir sammeln nicht nur, was wir sind, sondern auch, was wir waren. Anhand der Objekte, die wir besitzen, können wir oft unser gesamtes Leben rekonstruieren. Wir sammeln Erinnerungsstücke an verflossene Partner, den ersten Schuh des Kindes, Eintrittskarten von besonders schönen Konzerten oder alte Schulhefte und nutzen sie als Brücken in die Vergangenheit; als kleine Anker, die uns längst Vergessenes in Erinnerung rufen und uns zu dem machen, was wir sind. Wenn wir die Eintrittskarte ansehen, glauben wir noch einmal die Musik zu hören und das Gefühl zu spüren, das wir damals hatten. Wenn wir unsere alten Schulhefte durchblättern, finden wir kleine Notizen am Rand, die wir unserer besten Freundin geschrieben haben oder den verwischten Abdruck einer Träne nach einer schlechten Klassenarbeit.

Die kleinen Schätze des Alltags machen aus, was und wer wir sind. Sie bergen Erinnerungen und wecken Gefühle. Und vielleicht brauchen wir diese Anker, um uns an Vergangenes zu erinnern. Selbstverständlich kann man auch ohne ein altes Schulheft an seine Schulzeit denken, doch durch das Berühren des spröden Papiers und den Blick auf die verblasste Tinte wird die Erinnerung realer und man denkt wehmütig zurück. Nicht umsonst hängen wir oft mit ganzem Herzen an scheinbar wertlosen Dingen und nicht umsonst scheint der Verlust eines Familienfotoalbums ungleich schmerzvoller als das Versagen eines teuren Fernsehgerätes.

Haste nix, biste nix? – Minimalismus leben

Dass es auch anders geht, beweisen Menschen, die einen minimalistischen Lebensstil führen. Das heißt nicht, dass sie auf essentielle Dinge verzichten. Sie machen sich und ihre Identität nur weniger von Objekten abhängig, als dies andere Menschen tun. Ihre Besitztümer sind auf ein Minimum reduziert und dennoch hat man das Gefühl, dass sie besonders reich sind. Sie setzen andere Prioritäten im Leben und haben sich von vielen Dingen getrennt, die man wohl als normal und alltäglich bezeichnen würde. Sie haben mit dem Zwang der Besitztümer gebrochen und wollen nicht länger Eigentum ihres Eigentums sein.

Besonders aufgrund der Verbreitungsmöglichkeiten, die das Internet bietet, hat der Trend des Minimalismus viel Zulauf erhalten. Einer der Vorreiter, der den Verzicht salonfähig machte und damit der Frage nach der Notwendigkeit von Besitztümern große Bedeutung verlieh, war der Amerikaner Kelly Sutton. Vor einigen Jahren beschloss der Programmierer, einen Großteil seiner Besitztümer loszuwerden. Während eines längeren Auslandsaufenthalts hatte er gemerkt, dass er nur wenig davon wirklich benötigte und es ihm trotzdem an nichts fehlte. Über das Internet begann er, alles zu verkaufen, was er als überflüssig erachtete. Darunter zahllose Bücher, Filme und vor allem Unmengen an Kleidung. Seine Erfahrungen teilte er in seinem Blog mit einer großen Leserschaft und etablierte damit den „Cult of less“ – einen Lebensstil, der auf so vieles verzichtet und dennoch für die, die ihn leben, nichts vermissen lässt.

Besonders im digitalen Zeitalter kann man viele Dinge in digitaler Form besitzen. Insbesondere Bücher, Musik und Filme sowie zahlreiche Dokumente und Fotos lagern auf Festplatten oder im Internet in sogenannten Clouds. Das ist es auch, was insbesondere internetaffinen Menschen einen minimalistischen Lebensstil erleichtert. Sie machen sich auf diese Weise nicht abhängig von Besitz und sind flexibel zu gehen, wohin sie wollen. In verschiedenen Blogs teilen sie ihre Erfahrungen und tauschen sich mit anderen Menschen aus. Es geht dabei nicht darum, mit anderen in eine Art Wettstreit zu treten und so wenig wie möglich zu besitzen. Es geht vielmehr darum, sich im Leben auf das Wesentliche zu konzentrieren und sich vom Konsumzwang loszulösen.

Einer dieser Menschen ist Alexander Rubenbauer aus der Nähe von Nürnberg. Der 25jährige angehende Psychologiestudent stieß vor einiger Zeit auf die Aussage eines US-Bloggers, der behauptete: „Je weniger ich besitze, desto glücklicher bin ich.“ Fasziniert von dieser Lebenseinstellung beschloss er, sein Leben umzukrempeln und sich von allem unnötigen Ballast zu trennen. Seine Erfahrungen schildert er wie viele andere Minimalisten in seinem Blog. Vor etwa drei Jahren begann er, sein Leben auszumisten. Und dazu gehörten nicht nur viele unnötige Gegenstände. „Minimalismus bedeutet für mich, nur die Dinge, Tätigkeiten und Beziehungen in meinem Leben zu haben, die mir wirklich wichtig sind, und alles andere zu streichen. Dabei versuche ich aber den „Weg der Mitte“ zu gehen, also Extreme zu vermeiden.“ Alexander besitzt in etwa 300 Gegenstände. Eine genaue Zahl kann er nicht festlegen. Es geht ihm nicht darum, einen Wettbewerb zu gewinnen, sondern sich mehr auf die wirklich wichtigen Dinge zu konzentrieren. „Ich besitze weniger, fühle mich freier und mobiler, entspannter, bin fokussierter. Ich habe noch nie allzu viel konsumiert, konsumiere jetzt aber noch bewusster.“ sagt er. „Ich dachte früher, ich bräuchte mehr materiellen Erfolg, um zufrieden zu sein. Das hat sich gewandelt. Man braucht erstaunlich wenig, um zufrieden zu sein, alles andere ist nur ein riesiges Sahnehäubchen. Vieles, was wirklich teuer ist, hätte nur das Ego gerne. In ehrlicheren Momenten fällt einem aber auf, wie sinnlos es war oder wäre, viel Geld dafür auszugeben, einer Illusion nachzulaufen. Der Illusion, dass man ein besserer, wertvollerer oder glücklicherer Mensch wäre, wenn man bestimmte Gegenstände hätte.“ Von Erinnerungsstücken hält Alexander nicht viel. Die wichtigen Dinge behalte man ohnehin in Erinnerung oder könne sie mit Gesprächen wiederbeleben. Viel wichtiger als die kleinen Anker in die Vergangenheit ist ihm das bewusstere Erleben der zahlreichen wertvollen Augenblicke. Anstatt im Urlaub unzählige Bilder zu knipsen und danach penibel in ein Fotoalbum zu sortieren, solle man lieber den Urlaub intensiv erleben und alle Eindrücke in sich aufsaugen.

Auch Michael Klumb führt einen minimalistischen Lebensstil und teilt seine Erfahrungen sowie hilfreiche Tipps in seinem Blog. Vor etwa drei Jahren kam der 31-Jährige Augenoptiker erstmals durch das Buch „Simplifiy your Life“ mit dieser Art der Lebensgestaltung in Kontakt. Er wollte etwas in seinem Leben ändern und vor allem vereinfachen und das nicht nur durch das Ausmisten des Kleiderschrankes. Zahlreiche Blogs von Gleichgesinnten brachten ihn dann auf den Weg, den er seither beschreitet. „Meiner Meinung nach geht dieser Prozess vom Äußeren zum Inneren. Man fängt erst einmal an, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen. Dann muss der Entschluss kommen, wirklich etwas in seinem Leben ändern zu wollen.“ sagt er. „Danach geht es bei den meisten Minimalisten mit dem Ausmisten, Verschenken und Wegwerfen los. Das Konsumverhalten ändert sich, man haftet im Allgemeinen an weniger und erlebt dadurch eine große Freiheit und Flexibilität. Außerdem empfindet man Zufriedenheit und Glück.“ Von den rund 2000 CDs und mehreren hundert Büchern, die einst zu seinen Schätzen gehörten, ist nichts mehr geblieben. Vieles wurde digitalisiert und steht nach wie vor zur Verfügung, ohne unnötig Raum in Anspruch zu nehmen. Neben der persönlichen Freiheit, die man gewinnen kann, hat sich für Michael Klumb auch sein Konsumverhalten stark verändert: „Ich hinterfrage viele Einkäufe bewusster und entscheide mich eher für Qualitätsprodukte und Dinge, die fair und nachhaltig produziert wurden. Ich kann vielen Menschen speziell für Impulskäufe nur den Tipp geben, alles auf eine Liste zu schreiben und Gegenstände erst nach 30 Tagen zu kaufen. Ich setze mich zum Beispiel mit einem speziellen Produkt, was ich regelmäßig konsumiere, intensiv auseinander. Recherchiere, vergleiche und treffe dann eine sehr viel bewusstere Kaufentscheidung.“ Generell ist es die Abhängigkeit von Konsumgütern, die viele Minimalisten beklagen. Sie wenden sich ab von der Einstellung, dass Besitztümer glücklich machen und das Leben verbessern. Und so sagt auch Michael Klumb: „Minimalismus stellt für mich einen Weg dar, sich zu reduzieren und zu fokussieren, Glück zu finden und dabei unabhängiger von Äußerem zu werden.“

Das ist kein Aufruf, seine Wohnung radikal auszumisten und wegzuwerfen, was als überflüssig angesehen werden kann. Das ist viel mehr ein Versuch zu zeigen, dass es unterschiedliche Lebensmodelle und unterschiedliche Auffassung davon gibt, was im Leben wichtig ist. Wenn überhaupt Gegenstände uns definieren können, dann ist es nicht das große Auto, der Flachbildfernseher, das Smartphone oder das Designersofa. Wer wir sind, zeigen viel mehr die kleinen Dinge. Ein schwarz-weißes Kinderfoto, ein altes Schulheft, der einäugige Teddybär. Auch wenn wir diese Dinge nicht unbedingt brauchen, um zu wissen, wer wir sind, so geben sie uns dennoch ein Gefühl von Sicherheit und helfen uns, nicht zu vergessen, wer wir waren und wo wir herkommen.

Und damit kommen wir zurück zur Eingangsfrage „Wie viele Dinge braucht der Mensch?“. Was wir wirklich brauchen, passt wohl in einen großen Rucksack und selbstverständlich bergen die Dinge, die uns umgeben und die wir unser eigen nennen auch Zwänge und Verpflichtungen, aber sie geben uns Sicherheit und sind ein nicht zu unterschätzendes Sahnehäubchen.

KOMPASS Stadtmagazin | Ausgabe 12/13 | www.deinkompass.de

 

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