Minimalismus

 

29.03.2014

Minimalismus vor 2.300 Jahren

Von , Nürnberg
 

Nichts genügt demjenigen, dem das was genügt zu wenig ist. (Epikur)

Da macht man sich allerhand Gedanken um Minimalismus; versucht, eine möglichst vernünftige Definition auszuarbeiten, die Extreme vermeidet, aber gleichzeitig das ganze Vorhaben nicht verwässert; wird von Zeitungen, Radio- und Fernsehsendern gebeten, Interviews zu dieser neuen, modernen, trendigen, ja so ganz anderen Philosophie zu geben; und man fragt sich, warum eine so einfache Sache offenbar einen so starken Kontrast zur Gesellschaft darstellt, dass man, würde man den ständigen Bitten nachgeben, zu zweifelhafter Berühmtheit gelangen würde, einfach nur deswegen, weil man ein einfacheres Leben ohne unnötigen Ballast bevorzugt.

Und dann schlägt man ein Ethikbuch auf und erfährt, dass vor etwa 2.300 Jahren ein griechischer Philosoph namens Epikur im Grunde nichts anderes gesagt und gelehrt hat. (Nicht, dass ich meine Gedanken für so innovativ halte. Was mich eher erstaunt, ist, dass in der Schule auch mal etwas für das persönliche Leben Sinnvolles gelehrt wird. :-) )

Was hat Epikur gelehrt?

Ich würde sagen, Epikur war Vertreter eines gemäßigten Minimalismus und damit Vertreter eines gemäßigten Hedonismus, denn Epikur erachtete die subjektive Bedürfnisbefriedigung als Maßstab des Glücks.

Was ist Hedonismus? Hedonismus ist das ständige Streben nach Lust, Freude, Vergnügen und sinnlichem Genuss beim gleichzeitigen Versuch, Leid und Schmerz zu vermeiden.

Sagte ich subjektive Bedürfnisbefriedigung? Ja, aber mit Einschränkungen:

Auch Epikur unterscheidet zwischen echten Bedürfnissen und unechten Bedürfnissen, also den vernachlässigbaren, gar überflüssigen Wünschen, indem er sagt, dass Elementar-, also Grundbedürfnissen, der Vorzug zu geben ist. Er sagt außerdem, dass es falsch wäre, sich ohne Vernunft nur von der Lust leiten zu lassen.

Das heißt im Klartext: Im Gegensatz zu den Stoikern, deren Lehre der Askese und Selbstbeherrschung auf mich wie Selbstkasteiung wirkt, möchte Epikur das Leben und was es einem bietet genießen — seien es gute Beziehungen zu Freunden und Familie, Erlebnisse, Erfahrungen, Tätigkeiten und Aktivitäten, aber auch Bequemlichkeiten, wie Gegenstände, die das Leben vereinfachen oder freudvoller machen.

Nach Stoikern wie Seneca darf man glücklich nämlich “nur denjenigen nennen, der weder Wünsche hegt noch Furcht empfindet.” So wahr das ist, so deutlich wird die absolute Askese, die von den Stoikern offenbar bevorzugt wird. Ob man damit glücklich werden kann, insbesondere als Teil der westlichen (Konsum-)Gesellschaft, ist fraglich. Unmöglich ist es nicht, aber sicher nicht einfach.

Epikur dagegen würde den reinen, asketischen, selbstbeherrschenden “Minimalismus” (Verzicht) der Stoiker nicht gutheißen, weil dieser wohl häufiger Leid verursachen würde. Dennoch möchte Epikur sich auf das Wesentliche beschränken, welches das persönliche Glücksempfinden im Leben erhöht, und sich in diesem Sinne gelegentlich etwas gönnen, ohne sich jedoch ausschweifenden Exzessen hinzugeben.

Ein “seliges Leben” ist für Epikur dann erreicht, wenn Gesundheit und Seelenruhe zusammenkommen. Sich mit wenigem zufrieden zu geben trägt für Epikur entscheidend dazu bei.

Epikur schlägt außerdem vor, sich in seinen Handlungen an einem hedonistischen Kalkül (Investitionsprinzip) zu orientieren, das heißt auf die Erfüllung aktueller Bedürfnisse zu verzichten, wenn dadurch später mehr Lust und Freude erreichbar sind.

Zum Beispiel sollte, wer Zahnschmerzen hat, kurzzeitigen Schmerz bei der Zahnbehandlung hinnehmen, um langfristig wieder größere Lust und Freude empfinden zu können. Oder wer etwas im Leben erreichen möchte, sollte auf kurzfristige Lusterfüllung (z. B. Fernsehen) zugunsten späterer größerer Lust (z. B. erfüllender Beruf) verzichten.

Zusammenfassung

Nach Epikur sollte der Mensch einsehen, dass immer neue Bedürfnisse auftauchen und diese letztlich unstillbar sind. Deshalb ist es notwendig, sich innerlich von ihnen zu distanzieren. Dies führt wiederum zu einer inneren Ruhe, Ausgeglichenheit und Unerschütterlichkeit der Seele (gr. ataraxia) und damit zum Empfinden von Glück.

Dadurch steht Epikurs Botschaft eines für alle erreichbaren Glücks durch bewusstes Leben, Selbstbeschränkung und maßvolle Lebensführung also einem naiven Hedonismus mit seinen leiblich-sinnlichen Ausschweifungen diametral entgegen.

Genausowenig ist Epikur ein absoluter Asket. Er bevorzugt, genau wie die Buddhisten, einen vernünftigen “Weg der Mitte” (gr. mesotes).

Letzter Abschnitt mit Material aus Ethikos 12, Oldenbourg Verlag, 2010.

 

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