Minimalismus

 

17.06.2014

Interview: Minimalismus in der Konsumgesellschaft

Von , Nürnberg
 

Mitja, ein Schüler der Freien Waldorfschule Stade, hat mir im Rahmen seiner Jahresarbeit einige sehr interessante Fragen gestellt, über die ich mich sehr gefreut habe:

Wie definierst du, ganz persönlich, Minimalismus?

Minimalismus bedeutet für mich, zu identifizieren, was mir im Leben das Wichtigste ist und dann alles andere zu streichen. Das heißt nur die Dinge, Tätigkeiten und Beziehungen in meinem Leben beizubehalten, die notwendig oder wichtig sind oder die mein Leben nachhaltig bereichern.

Natürlich ist für jeden etwas anderes von Bedeutung, weshalb es keine allgemeingültige Definition eines einfachen Lebens geben kann.

Wichtig dabei ist, Extreme zu vermeiden, also den Weg der Mitte zu gehen, damit Minimalismus (die Einfachheit) nicht zum Selbstzweck wird.

(Das mag ohne weitere Erläuterungen etwas egoistisch klingen, das wäre es aber nur, wenn es für mich beispielsweise nicht von Bedeutung wäre, für andere da zu sein. Mir geht es hier zum Beispiel um das Pflegen weniger aber dafür intensiverer Kontakte als möglichst vieler oberflächlicher Kontakte. Durch meinen minimalistischen und dadurch auch achtsameren Lebensstil habe ich sogar viel bessere Möglichkeiten für andere da zu sein.)

Warum bloggst du?

Um einen Beitrag zu leisten für eine hoffentlich irgendwann nachhaltigere, achtsamere, „bessere“ Welt. Ich will die Leute zum Nachdenken anregen für ein besseres Leben als Individuum sowie für ein besseres Miteinander und damit auch für einen besseren Umgang mit der Welt an sich.

Warum bist du Minimalist?

Es befreit, u. a. vom Zwang zum Konsum, der Wartung, Platzmangel, größeren Geldsorgen, und lindert damit auch enorm Zeitmangel. Minimalismus ist Freiheit und Unabhängigkeit. Minimalismus macht so gesehen auch den Kopf frei, vereinfacht buchstäblich das Leben.

Was ist dir im Leben wichtig?

Gute Beziehungen, Gesundheit, Lebensfreude (dazu auch Genuss der kleinen oder „selbstverständlichen“ Dinge und der Natur, und dass ich ständig neue Dinge lernen darf). Aber auch ein guter materieller Lebensstandard, allerdings im Sinne von Qualität statt Quantität. Das Wesentliche zu besitzen, aber nicht im Überfluss zu ertrinken. Lieber wenige „gute“ statt viele mittelmäßige oder gar schlechte „Dinge“ „konsumieren“ (in allen Lebensbereichen: Gegenstände, Tätigkeiten, Menschen, Medien, Nahrung, Freizeit, …).

Ist Minimalismus schwierig?

Finde ich nicht. Man muss sich manchmal klar werden dass man Dinge nicht braucht, selbst wenn alle sie haben (bestes Beispiel: neuestes Smartphone, neuester Riesenfernseher, …) und dann standhaft sein. Es erleichtert aber gleichzeitig auch das Ablehnen der zahlreichen Angebote die man ohnehin nicht alle annehmen kann weil man nicht unbegrenzt Geld, Platz und Zeit hat. Und auch sonst hat Minimalismus viel mehr Vorteile (Freiheit, Zeit, Geld, Mobilität, kurz: Unabhängigkeit).

Was sind, deiner Meinung nach, die größten Probleme einer Konsumgesellschaft?

Die Herstellung (schlechte Arbeitsbedingungen bzw. Ausbeutung von Mensch, Tier und Umwelt; Zerstörung des Planeten für Profitgier einiger Weniger), die Entsorgung (massive Umweltprobleme) und der Verbrauch z. B. von fossiler Energie und Rohstoffen.

Auf persönlicher Ebene der gesellschaftliche „Druck“ zum Konsum, quasi als Zwang zu Statussymbolen, zu zeigen dass man mithalten kann, auch wenn man es eigentlich weder muss noch will. Es geht ja nicht um das Smartphone, es geht darum dass das Smartphone aussendet dass man sich das Ding leisten kann und auf der Höhe der Zeit ist: die Gesellschaft zieht oft falsche Rückschlüsse vom Äußeren auf die Person selbst.

Gut vor Augen wird das geführt wenn man sich den Kleiderschrank mancher Teenies anschaut. Teile z. B. von Primark werden tütenweise gekauft, zum Teil nur einmal getragen und die Menschen in Bangladesch verenden schleichend an den Chemikalien1, die zur Herstellung dieser Billigmode benötigt wird, an Überarbeitung (über 12 Stunden am Tag an sieben Tagen die Woche2) oder weil eben die Fabrik einstürzt (zuletzt 1127 Tote und 2438 Verletzte3).

Generell zählt in der derzeitigen Konsumgesellschaft anscheinend fast nur noch Quantität, die Qualität (sowohl der Produkte als auch wie sie gemacht werden – von Mensch und Umwelt) ist nahezu völlig irrelevant geworden. Wirklich „preis-wert“ (den Preis wert) ist fast nichts mehr. Weniger, aber dafür besser – da müssen wir (wieder) hin.

Welches ist dein Lieblingszitat? (Wenn du eins hast, ich finde viele einfach richtig gut.)

Wenn ich ein Lieblingszitat hätte bräuchte ich nicht diese Sammlung – da geht es mir wie dir. :-)

Wie ernährst du dich?

Ich versuche auf Billigfleisch zu verzichten, nur möglichst moralisch „halbwegs okay erzeugtes“ (es gibt eigentlich so gut wie kein moralisch einwandfreies Fleisch) Biofleisch zu essen und das möglichst selten, hoffentlich irgendwann gar nicht mehr; schon gar kein McDonalds & Co., davon wird mir tatsächlich sogar nach wenigen Happen richtig schlecht.

Nudeln, Reis, Tofu, usw. sind zum Beispiel gut. Gerne viel Obst, Gemüse, Früchte und Kräuter. Ich glaube wenn man nicht so langweilig kocht braucht man gar nicht so viel Fett und Fleisch. Gute Anregungen, wie man es besser machen kann, liefert zum Beispiel die asiatische Küche. Darum habe ich auch die Kräuter genannt.

Zucker und Fette meide ich weitgehend. Ich esse kaum „unnötige“ Sachen wie Süßigkeiten. Grund: Es macht mich nicht satt, aber die Zähne kaputt, und manche Leute sogar fett (mich übrigens nicht, insofern hab‘ ich davon ernährungstechnisch gesehen nichtmal was).

Generell, wenn es sich finanziell irgendwie machen lässt, sollte man Billigprodukte von Aldi, Lidl & Co. meiden. Die sind meiner Meinung nach nur auf Kosten von Mensch (z. B. den Zulieferern, aber auch den Konsumenten) und Tier (z. B. Massentierhaltung) so billig.

1 Quelle (Etwa ab Minute 20)

2 Quelle: „„Wer ein T-Shirt für zwei Euro kauft, muss wissen, dass jemand anderes den Preis dafür bezahlen muss.“ (…) „Die Arbeitsbedingungen sind katastrophal.“ Die Näherinnen in Bangladesch müssten sieben Tage die Woche jeweils zwölf Stunden arbeiten.“

3 Quelle: „Im Gebäude waren mehrere Textilfirmen, Geschäfte sowie eine Bank untergebracht. Am Vortag (…) waren in dem Gebäude Risse festgestellt worden. Deshalb verbot die Polizei den Zutritt. Dennoch waren mehr als 3.000 Menschen im Gebäude, größtenteils Textilarbeiterinnen, als das Gebäude (…) kollabierte. Die Angestellten waren von den Fabrikbetreibern gezwungen worden, ihre Arbeit aufzunehmen.“

 

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