Persönlichkeitsentwicklung

 

19.11.2010

Warum ich meine Facebook-Kontakte gelöscht habe

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Ich habe vor Kurzem meinen Facebook-Account von 4.000 “Freunden” auf nur noch 200 persönlich bekannte Kontakte reduziert.

Die meisten dieser persönlich bekannten Facebook-Freunde sind Menschen aus meiner Vergangenheit – in der Regel ehemalige Mitschüler, und Bekannte, zu denen ich keinerlei Kontakt mehr pflege, obwohl sie teilweise sogar in meiner Nachbarschaft leben.

Der Grund, warum Facebook so erfolgreich ist, liegt darin, dass es uns das Gefühl gibt, mit Menschen verbunden zu sein, ohne dass wir es wirklich sind. Nur wenige Menschen haben den Mut, sich ihr Gefühl der “Einsamkeit”, das aus unzureichenden persönlichen Beziehungen resultiert, einzugestehen und im “echten” Leben nach passenden Menschen Ausschau zu halten. Wir fühlen uns sozial eingebunden, je größer die Zahl auf dem Freundezähler ist.

Oder wie Miriam Meckel schreibt: “Wir sammeln digitale Freunde, die uns die Zugehörigkeit zu virtuellen sozialen Gruppen ermöglichen und Anerkennung verschaffen. Je mehr Menschen im digitalen Freundeskreis auf meine Status-Updates reagieren, auf ‘Gefällt mir’ klicken oder gar einen Kommentar hinzufügen, desto besser bin ich vernetzt. Mein soziales Kapital wächst, meine Reputation im digitalen Universum auch.”

Einige der Menschen, mit denen ich nur gelegentlich Kontakt habe (auch wenn ich gerne öfter Kontakt hätte) leben woanders und Facebook bietet die Möglichkeit, Kontakt zu halten, ohne sich über wechselnde E-Mail-Adressen, Telefonnummern und Anschriften Gedanken machen und sicher stellen zu müssen, dass diese Daten immer aktuell sind. Was sind es aber für Kontakte, die man so selten pflegt, dass man noch nicht einmal über den Wechsel einer Telefonnummer informiert wird?

Darum habe ich meine persönlich bekannten Facebook-Kontakte nun ebenfalls gelöscht, weil ich zu diesen Menschen in Wahrheit keinen wirklichen Kontakt mehr habe. Es sind vergangene Bekanntschaften und keine Freunde, die in der Gegenwart für mich da sind. Zu diesem Schritt hat mich vor allem dieser Artikel von Everett Bogue inspiriert. Es sind eben Menschen aus meiner Vergangenheit, die ich teilweise nicht einmal schätze, und Menschen, deren Gegenwart ich mal genossen habe und von denen ich auch etwas lernen konnte, die aber kein Teil meines gegenwärtigen Lebens mehr sind.

Mit den Menschen, die ich persönlich sehe, kommuniziere ich ohnehin nicht über Facebook, sondern von Angesicht zu Angesicht. Meine besten Freunde sind noch nicht einmal Mitglied bei Facebook.

Ich möchte in einem Zustand leben, in dem der wichtigste Mensch immer derjenige ist, der gerade bei mir ist, um die Gegenwart voll auszukosten und Platz zu schaffen für Menschen, die wirklich zu mir passen.

Die Einsicht, dass man mit seinen vielen potentiellen “Freunden” in Facebook in Wahrheit gar keinen Kontakt hat, ist in gewisser Weise schmerzhaft und es ist vor allem nicht leicht, nette Gelegenheitskontakte oder Zufallskontakte, die aber weiter nichts sind als das und auch nie mehr sein werden, loszulassen – in der digitalen Welt also aus seiner Freundeliste zu löschen.

Es ist ein beruhigendes Gefühl, zu wissen, dass man diese Menschen wieder anschreiben kann, weil man sie in der Freundeliste hat und so den Draht nicht zwangsweise verlieren muss.

Wenn es Facebook aber nicht gäbe, würde auch niemand eine Liste aller Menschen pflegen, mit denen man irgendwann einmal Kontakt hatte. Und mit denjenigen, mit denen man Kontakt hat, trifft man sich ohnehin persönlich oder telefoniert miteinander.

Es ist schwer, sich einzugestehen, dass diese vielen Menschen, die man als Kontakte hält, im Grunde nichts zum alltäglichen Leben beitragen – genauso wenig wie man selbst zu ihrem. In Wahrheit interessieren sie sich oftmals nicht einmal ansatzweise füreinander.

Für die meisten Menschen aus meiner Vergangenheit, die auf meiner Freundeliste bei Facebook waren, interessiere ich mich nicht und sie interessierten sich nicht für mich, und trotzdem ist es schwer, sich endgültig zu trennen, ohne Handynummern, Anschriften oder E-Mail-Adressen aufzubewahren.

Ich habe bislang nie Menschen verstanden, die andere Menschen leicht loslassen können. Die, obwohl sie die aktuelle Gegenwart eines Menschen genießen und man sich scheinbar auf einer Wellenlänge befindet, trotzdem einfach weiter ihres Weges gehen, ohne zu versuchen, den anderen “mitnehmen” zu wollen.

Sicher würden viele Kontakte auch weiterhin anhalten, wenn unsere Leben nicht so zugemüllt wären, wir nicht so beschäftigt und abgelenkt wären. Allerdings erkenne ich in der Fähigkeit, loszulassen und mit dem Fluss gehen zu können, etwas weitaus Freudvolleres, Erfüllenderes, Leichteres, und bewundere, ja beneide darum in gewisser Weise Menschen, die das Loslassen beherrschen.

Vielleicht rührt daher auch meine bisherige unterschwellige Abneigung gegen Menschen, die so leicht weiterziehen, weil ich mich einerseits als “Zurückgelassener” nicht genug wertgeschätzt fühle und andererseits, weil ich selbst in mir diese Gabe, diese Leichtigkeit, vermisse, einfach weiterziehen zu können – notfalls auch alleine.

Nun, was soll ich sagen? Die Menschen, die weiterhin mit mir Kontakt halten wollen, werden mich finden und sich melden. Die anderen sind Vergangenheit. Und so wie ich auf den 4.000-Freunde-Berg geklettert bin, werde ich nun wieder von ihm hinabsteigen und die Freiheit und Erleichterung genießen, die das Loslassen für mich bereithält :-)

Nachtrag, 26.02.2011: Ich habe nun auch meine Facebook-Seite mit 410 Fans vollständig und unwiderruflich gelöscht. Es macht keinen Sinn, jede Website noch einmal doppelt in Facebook abzubilden, nur weil es alle machen.

 

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