Persönlichkeitsentwicklung

 

01.07.2012

Zart besaitet - Last oder Gabe?

Von
 

Die meisten Menschen bewegen sich durchs Leben wie große Tanker, die übers Meer ziehen: Auch hoher Wellengang und Sturm bringen sie nicht von ihrem Kurs ab. Einige aber, Frauen wie Männer, sitzen dagegen in leichten Segelbooten und registrieren kleinste Wellenbewegungen: Sie gelten als “hochsensibel” oder “hochsensitiv”.

Die Veranlagung ist erblich und wurde in den 1990iger Jahren von der amerikanischen Psychotherapeutin Elaine Aron so benannt. Hochsensible nehmen mehr Sinnesreize und Details auf, sie leben intensiver, aber das ist nicht immer angenehm: Sie brauchen mehr Zeit, um ihre Eindrücke zu verarbeiten. (Andrea Lieblang)

Ein Beispiel aus meinem Leben: In einem Schulfach wurde letzte Woche ein Großteil der Schüler abgefragt. Niemand wusste vorher, wer dran kam und anfangs dachte man noch, jeder würde abgefragt werden.

Zu Beginn, als noch die meisten Schüler befürchtet hatten, gleich abgefragt zu werden, habe ich auch die größte Anspannung verspürt.

Mit jedem Mal, wo einer mehr die Abfrage hinter sich hatte, ging meine Anspannung zurück, obwohl meine eigene Abfrage dadurch immer näher rückte, also konnte die empfundene Anspannung nicht ausschließlich auf meine eigene Nervosität zurückzuführen sein.

Das konstante Nachlassen der empfundenen Anspannung ist meiner Meinung nach mein “Raumthermometer” gewesen, das aufgenommen hat, wie hoch die allgemeine Anspannung in dem Moment im Raum war.

Noch ein anderer Gedanke:

Was uns Menschen von Tieren am Wesentlichsten unterscheidet ist ein einziges Wort, nämlich die Frage nach dem “Warum?”. Im Gegensatz zu uns Menschen fragen Tiere nicht nach dem “Warum?”.1

Nun empfinden sowohl Tiere als auch wir Menschen gelegentlich etwas – manchmal eine gewisse “Vorahnung”, manchmal Empfindungen die auf Empathie zurückzuführen sind und manchmal sowas wie eine eingebaute “Wünschelrute”, mit der wir wahrnehmen, ob zum Beispiel die Situation oder der Mensch mit dem wir gerade konfrontiert sind für uns geeignet ist.

Auch wenn man objektiv nicht feststellen kann, dass man nicht zusammenpasst, empfinde ich trotzdem bereits in den ersten Sekunden etwas, das mir sagt, dass ich hier “vorsichtig” zu sein habe oder dass ich mich diesem Menschen nicht öffnen sollte weil er nicht richtig für mich ist. Und es hat sich bislang immer bewahrheitet.

Tiere haben diese Fähigkeit auch. Sie spüren zum Beispiel, wer sie nicht mag, und sie wissen instinktiv, wohin sie gehen müssen.

Und auch wenn wir mit dem Verstand sehr gut darin sind nach dem “Warum?” zu fragen und Begründungen, Ursachen und Zusammenhänge verstehen möchten, so geben uns diese Gefühle doch keine Antwort auf diese Frage. Auch Tiere bekommen keine Antwort darauf.

Im Gegensatz zu uns hören Tiere aber trotzdem auf ihre Gefühle und handeln danach, auch ohne diese begründen zu können. Wenn wir auf eine bestimmte Art handeln, ohne eine rationale Begründung dafür liefern zu können, werden wir schräg angesehen, auch wenn es sich in der Vergangenheit schon immer als richtig erwiesen hat, was unsere Gefühle uns mitteilen wollten.

Wir sollten also lernen, unseren Gefühlen mehr zu vertrauen, auch wenn der Verstand die Antwort auf sein jeweiliges “Warum?” nicht sofort oder womöglich sogar nie erhalten wird.


Siehe auch: Georg Parlow: Zart besaitet

1 Endstation Fortschritt?, Kanada, 2011, 86 Min., ARTE, Minute 11:30 bis 12:55.

 

Suchen:   

Startseite · Psychologie · Persönlichkeitsentwicklung · Minimalismus · English · Zitate

URL: https://alex.pt/909 · RSS-Feeds · Kontakt ·