Psychologie

 

07.04.2018

Sind Introvertierte kaputte Extravertierte?

Von , Nürnberg
 

Introvertierte neigen dazu, zu denken, dass mit ihnen etwas nicht stimme. Das liegt an ihrem starken Bedürfnis, sich zurückzuziehen, da sie sich weniger mit Dingen im Äußeren beschäftigen als mit ihrem Inneren. Extravertierte können das in der Regel nicht nachvollziehen: Wer möchte denn nicht ständig von Menschen umgeben sein und so viele Eindrücke wie möglich sammeln?

Minderwertigkeitskomplexe sind hier jedoch fehl am Platz. Die beiden Persönlichkeitstypen ergänzen sich ganz hervorragend, da beide ihre Stärken und Schwächen in anderen Bereichen haben. Nur miteinander ist es nicht immer einfach, wenn beide kein Verständnis für den anderen aufbringen:

So geht es Extravertierten mehr ums „Tun“ als ums „Sein“. Da werden Freundschaften häufig auf der Grundlage geschlossen, was man alles zusammen erlebt. Introvertierten geht es eher darum, sich auf einer tieferen Ebene zu verbinden: ihnen sind gemeinsame Interessen und Wertvorstellungen, gegenseitiges Interesse, Verständnis und tiefgründige Unterhaltungen wichtig.

Wenn Introvertierte ihre Freunde treffen, dann tun sie dies, um tiefgründige Gespräche zu führen und die Beziehung zu ihren Freunden zu intensivieren. Treffen sie dann beispielsweise auf einen unverständigen extravertierten Freund, sind Missverständnisse vorprogrammiert, wenn dieser dann weitere Freunde einlädt, um gemeinsam Spiele zu spielen anstatt sich ernsthaft zu unterhalten. Ein unverständiger Introvertierter wird sich dann fragen, ob der Extravertierte tiefgründigen Gesprächen ausweichen will und womöglich sogar die Bedeutung der Freundschaft für den Extravertierten in Frage stellen.

Während Introvertierte sich gerne zurückziehen, um sich in Ruhe Wissen anzueignen und über die unterschiedlichsten Dinge nachzudenken, weil ihr Gehirn immer Futter braucht, werden Extravertierte sich beispielsweise gerne dazu bereiterklären, das Ergebnis vor vielen Menschen zu präsentieren und mit ihnen darüber zu sprechen.

Es gibt hier kein „richtig“ oder „falsch“. Unverständige Introvertierte könnten die Umtriebigkeit der Extravertierten umgekehrt ebenso als Unfähigkeit, mit sich selbst allein zu sein, verschmähen und als Schwäche umdeuten, wie unverständige Extravertierte den Introvertierten soziale Gehemmtheit oder gar Inkompetenz unterstellen. Letztlich fühlt sich ein Extravertierter in der Abgeschiedenheit aber genauso unwohl wie ein Introvertierter auf einer überfüllten Party, auf der er nur oberflächliche Gespräche führen kann. Keins davon ist besser oder schlechter als das andere. Beides ist normal.

 

09.12.2017

Sind intelligentere Menschen weniger gesellig?

Von , Nürnberg
 

Normalerweise würde man annehmen, dass Menschen glücklicher sind, je mehr Kontakt sie zu anderen Menschen haben. Die Sozialpsychologen Norman P. Li und Satoshi Kanazawa kamen in ihrer Studie hingegen zu dem Schluss, dass geselliger Kontakt intelligentere Menschen nicht unbedingt glücklicher macht.

Die Forscher haben über einen längeren Zeitraum hinweg Menschen im Alter zwischen 18 und 28 Jahren beobachtet. Dabei ergaben sich zwei Erkenntnisse, die man vermutlich intuitiv auch annehmen würde: Dass Menschen umso zufriedener sind, je geringer die Bevölkerungsdichte ist. Und dass die meisten Menschen umso glücklicher sind, je mehr sie sich in Gesellschaft mit anderen befinden.

Der letzte Punkt trifft jedoch auf intelligentere Menschen nicht unbedingt zu. Geselliges Beisammensein macht intelligentere Menschen demnach häufig nicht so glücklich wie weniger intelligente Menschen. Eine Erklärung dafür könnte sein, dass intelligentere Menschen sich häufiger langfristige Ziele setzen. Kurzfristige Geselligkeiten tragen zu diesen Zielen nichts bei, sondern lenken im Grunde sogar von der Verfolgung der gesteckten Ziele ab.

Li, N. P. & Kanazawa, S. (2016). Country roads, take me home… to my friends: How intelligence, population density, and friendship affect modern happiness. British Journal of Psychology, 107(4), 675-697.

 

22.10.2017

Der Einfluss von Achtsamkeit auf den Generierungseffekt

Von , Nürnberg
 

Erscheint es sinnvoll, sich das Lernen absichtlich schwerer zu machen?

Was zunächst kontraintuitiv erscheint, wird in der Forschung als wünschenswerte Erschwernisse bezeichnet. Wünschenswert sind diese Erschwernisse deshalb, weil Lernmaterial, mit dem man sich aufgrund der Erschwernisse aktiv auseinandersetzen musste, besser behalten wird. Eine dieser wünschenswerten Erschwernisse ist der Generierungseffekt. Hierbei wird Wissen selbst generiert und somit besser erinnert – zum Beispiel, wenn man die Antwort auf eine Frage selbst erarbeiten muss.

Wer schon einmal etwas lernen musste, weiß auch, dass die eigenen Gedanken hin und wieder zu Themen abschweifen, die mit dem aktuellen Lerninhalt nur wenig zu tun haben. Diesen gedanklichen Spaziergang nennt man Mindwandering. Eine Möglichkeit, mit abschweifenden Gedanken umzugehen, ist Achtsamkeit: So werden Achtsamkeitsmeditationen häufig dazu verwendet, die eigenen Gedanken wieder zurück in die Gegenwart zu bringen. Achtsamkeit hat außerdem positive Auswirkungen auf die Arbeitsgedächtniskapazität.

In meiner Bachelorarbeit bin ich diesen Fragen nachgegangen: Lässt sich der Generierungseffekt replizieren? Kann es sein, dass achtsame Menschen mehr erinnern als Menschen, die ihren Gedanken nachhängen? Und wie beeinflusst Achtsamkeit den Generierungseffekt?

Die Bachelorarbeit kann hier eingesehen werden:

 

12.04.2017

Psychotherapie ist wirkungsvoller als Psychopharmaka

Von , Nürnberg
 

In einem Artikel [PDF] kommen Jürgen Margraf und Silvia Schneider zu dem Schluss, dass Psychotherapie wesentlich effizienter sei als Psychopharmaka. Die derzeit zur Verfügung stehenden Medikamente gegen Depression, Angststörungen, ADHS und Schizophrenie würden die Symptome psychischer Störungen nicht dauerhaft lindern können, so die Psychologen der Ruhr-Uni Bochum.

Im Gegenteil: Eine langfristige Einnahme würde sogar das Risiko für die Ausbildung einer chronischen Erkrankung und die Gefahr späterer Rückfälle erhöhen. Die Autoren vermuten, dass Psychopharmaka nur deshalb so häufig verschrieben werden, weil nicht genug Psychotherapieplätze zur Verfügung stehen. Um die Symptome kurzfristig zu lindern, würden Ärzte Psychopharmaka verschreiben, bei denen die Patienten dann häufig blieben — vermutlich auch deshalb, weil häufig ein hohes Abhängigkeitspotential besteht.

Seit einigen Jahren liegt es „im Trend“, sich in der Forschung sehr auf biologische Faktoren zu fokussieren, vermutlich weil sich diese leichter nach „wissenschaftlichen Kriterien“ untersuchen lassen. Margraf und Schneider verweisen jedoch darauf, dass in Entwicklungsländern beispielsweise nur 15,9 Prozent der Schizophreniepatienten mit Neuroleptika behandelt werden, in Industrieländern dagegen 61 Prozent. Den Erkrankten in den Entwicklungsländern ginge es jedoch langfristig wieder besser, was für die Bedeutung sozialer Faktoren wie das Eingebundensein in die Familie und die Dorfgemeinschaft spricht.

Margraf und Schneider äußern sich auch besorgt darüber, dass das Werbeverbot für verschreibungspflichtige Medikamente in Deutschland häufig dadurch umgangen werde, dass zahlreiche Fortbildungen für Ärzte durch die Pharmaindustrie gesponsert werden, sodass übertriebene bis falsche Behauptungen über die Wirksamkeit von Psychopharmaka es zum Teil bis in die Lehrbücher schafften.

 

12.04.2017

Einstellungsinterviews sind kaum aussagekräftig

Von , Nürnberg
 

Wie der „Report Psychologie“ in der Ausgabe 12/2016 () berichtet, ergab eine Online-Umfrage unter 214 deutschen Unternehmen, dass Einstellungsinterviews häufig nur wenig strukturiert ablaufen. Es werden zwar Interviewleitfäden eingesetzt, an denen man sich beim Auswahlgespräch orientiert. Die Auswahl der Fragen orientiert sich jedoch nicht ausreichend an den Anforderungen der zu besetzenden Stelle, unterschiedlichen Bewerbern werden unterschiedliche Fragen gestellt, und die Bewertung der Antworten erfolgt nicht nach zuvor festgelegten Kriterien.

Ein Artikel der New York Times kommt zum gleichen Ergebnis: Unter der Überschrift „The Utter Uselessness of Job Interviews“ wird unter anderem von einer Studie [PDF] berichtet, bei dem die Versuchsteilnehmer dem Interviewer zufällige Antworten gaben. Keinem Interviewer sei aufgefallen, dass er zufällige Antworten erhielt. Die Interviewer bevorzugten es sogar, zufällige Antworten zu erhalten, und ihr Urteil darauf zu gründen, als gar keine Antworten zu erhalten und ihre Entscheidung allein auf Hintergrundinformationen zu stützen, obwohl die erhaltenen Antworten keinerlei inhaltlichen Wert besaßen.

Das zeigt, dass Menschen keinerlei Schwierigkeiten haben, erhaltene Informationen zu einem kohärenten Gesamtbild zusammenzufügen, auch wenn diese mit der Realität nichts zu tun haben.

Sinnvoller wäre demnach, potentielle Arbeitnehmer probearbeiten zu lassen. Während der Probearbeit kann die Arbeitsweise eines Bewerbers in der natürlichen Arbeitsumgebung anstatt bei künstlichen Rollenspielen beurteilt werden. Allerdings nimmt die Probearbeit mehr Zeit in Anspruch, was gerade für Arbeitnehmer, die z. B. gegenwärtig anderweitig angestellt sind, problematisch ist. Darüber hinaus zeigt die Probearbeit in den meisten Fällen zwar das „maximal mögliche Verhalten“, nicht jedoch das typische oder künftige Arbeitsverhalten. Insgesamt ist die Probearbeit dennoch deutlich aussagekräftiger als die Angaben und das Verhalten während eines Einstellungsinterviews.

 

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