Psychologie

 

12.04.2017

Psychotherapie ist wirkungsvoller als Psychopharmaka

Von , Nürnberg
 

In einem Artikel [PDF] kommen Jürgen Margraf und Silvia Schneider zu dem Schluss, dass Psychotherapie wesentlich effizienter sei als Psychopharmaka. Die derzeit zur Verfügung stehenden Medikamente gegen Depression, Angststörungen, ADHS und Schizophrenie würden die Symptome psychischer Störungen nicht dauerhaft lindern können, so die Psychologen der Ruhr-Uni Bochum.

Im Gegenteil: Eine langfristige Einnahme würde sogar das Risiko für die Ausbildung einer chronischen Erkrankung und die Gefahr späterer Rückfälle erhöhen. Die Autoren vermuten, dass Psychopharmaka nur deshalb so häufig verschrieben werden, weil nicht genug Psychotherapieplätze zur Verfügung stehen. Um die Symptome kurzfristig zu lindern, würden Ärzte Psychopharmaka verschreiben, bei denen die Patienten dann häufig blieben — vermutlich auch deshalb, weil häufig ein hohes Abhängigkeitspotential besteht.

Seit einigen Jahren liegt es „im Trend“, sich in der Forschung sehr auf biologische Faktoren zu fokussieren, vermutlich weil sich diese leichter nach „wissenschaftlichen Kriterien“ untersuchen lassen. Margraf und Schneider verweisen jedoch darauf, dass in Entwicklungsländern beispielsweise nur 15,9 Prozent der Schizophreniepatienten mit Neuroleptika behandelt werden, in Industrieländern dagegen 61 Prozent. Den Erkrankten in den Entwicklungsländern ginge es jedoch langfristig wieder besser, was für die Bedeutung sozialer Faktoren wie das Eingebundensein in die Familie und die Dorfgemeinschaft spricht.

Margraf und Schneider äußern sich auch besorgt darüber, dass das Werbeverbot für verschreibungspflichtige Medikamente in Deutschland häufig dadurch umgangen werde, dass zahlreiche Fortbildungen für Ärzte durch die Pharmaindustrie gesponsert werden, sodass übertriebene bis falsche Behauptungen über die Wirksamkeit von Psychopharmaka es zum Teil bis in die Lehrbücher schafften.

 

12.04.2017

Einstellungsinterviews sind kaum aussagekräftig

Von , Nürnberg
 

Wie der „Report Psychologie“ in der Ausgabe 12/2016 () berichtet, ergab eine Online-Umfrage unter 214 deutschen Unternehmen, dass Einstellungsinterviews häufig nur wenig strukturiert ablaufen. Es werden zwar Interviewleitfäden eingesetzt, an denen man sich beim Auswahlgespräch orientiert. Die Auswahl der Fragen orientiert sich jedoch nicht ausreichend an den Anforderungen der zu besetzenden Stelle, unterschiedlichen Bewerbern werden unterschiedliche Fragen gestellt, und die Bewertung der Antworten erfolgt nicht nach zuvor festgelegten Kriterien.

Ein Artikel der New York Times kommt zum gleichen Ergebnis: Unter der Überschrift „The Utter Uselessness of Job Interviews“ wird unter anderem von einer Studie [PDF] berichtet, bei dem die Versuchsteilnehmer dem Interviewer zufällige Antworten gaben. Keinem Interviewer sei aufgefallen, dass er zufällige Antworten erhielt. Die Interviewer bevorzugten es sogar, zufällige Antworten zu erhalten, und ihr Urteil darauf zu gründen, als gar keine Antworten zu erhalten und ihre Entscheidung allein auf Hintergrundinformationen zu stützen, obwohl die erhaltenen Antworten keinerlei inhaltlichen Wert besaßen.

Das zeigt, dass Menschen keinerlei Schwierigkeiten haben, erhaltene Informationen zu einem kohärenten Gesamtbild zusammenzufügen, auch wenn diese mit der Realität nichts zu tun haben.

Sinnvoller wäre demnach, potentielle Arbeitnehmer probearbeiten zu lassen. Während der Probearbeit kann die Arbeitsweise eines Bewerbers in der natürlichen Arbeitsumgebung anstatt bei künstlichen Rollenspielen beurteilt werden. Allerdings nimmt die Probearbeit mehr Zeit in Anspruch, was gerade für Arbeitnehmer, die z. B. gegenwärtig anderweitig angestellt sind, problematisch ist. Darüber hinaus zeigt die Probearbeit in den meisten Fällen zwar das „maximal mögliche Verhalten“, nicht jedoch das typische oder künftige Arbeitsverhalten. Insgesamt ist die Probearbeit dennoch deutlich aussagekräftiger als die Angaben und das Verhalten während eines Einstellungsinterviews.

 

12.07.2015

Gefälligkeiten helfen Menschen mit Sozialer Phobie

Von , Nürnberg
 

Da Soziale Phobie die Betroffenen in ihrem Sozialleben häufig “lähmt”, führt dies oft zu nicht wahrgenommenen Chancen in Beruf und Privatleben. Sozialphobiker haben meist weniger Freunde und erfahren darum auch weniger Unterstützung und Aufmunterung durch andere.

Die kanadischen Forscherinnen Jennifer Trew und Lynn Alden haben herausgefunden, dass von Sozialphobikern ausgeführte freundliche Gesten und Gefälligkeiten ihnen dabei helfen, auf andere zuzugehen.

In ihrer Studie haben die Forscherinnen die Betroffenen in drei Gruppen eingeteilt:

Die Teilnehmer, die Gefälligkeiten gemacht hatten, fühlten sich in der sozialen Situation wesentlich wohler. Die Gefälligkeiten halfen ihnen offenbar dabei, ihre Sorgen über soziale Ablehnung zu lindern:

Jennifer Trew:

Acts of kindness may help to counter negative social expectations by promoting more positive perceptions and expectations of a person’s social environment. It helps to reduce their levels of social anxiety and, in turn, makes them less likely to want to avoid social situations.

(Studie, Quelle)

 

10.03.2015

Kurz notiert: Allgemeine Psychologie

Von , Nürnberg
 

Nachfolgend einige Notizen aus der Allgemeinen Psychologie (d. h. Kognitive Psychologie, Gedächtnispsychologie, Biologische Psychologie) für Interessierte. Dies ist kein “Leseartikel”.

Was ist Kognition?

Kognition bezeichnet mentale Prozesse/Strukturen, die der Aufnahme/Verarbeitung/Nutzung von Informationen (aus der Umwelt) und intelligentem Verhalten zu Grunde liegen.

Zum Beispiel: Wahrnehmung, Aufmerksamkeit, Wissenserwerb/Gedächtnis, Sprachproduktion und -verstehen, Problemlösung, Denken, Urteilen/Entscheiden.

Welche „methodischen Zugänge“ gibt es, diese Prozesse zu untersuchen?

Worin unterscheiden sich kognitive Neurowissenschaft und Neuropsychologie?

Gemeinsam ist beiden, dass sie den Schwerpunkt auf grundlegenden kognitiven Prozessen haben.

Während sich die Neurowissenschaft jedoch um die neuronalen Grundlagen (der Verarbeitung von Informationen beim Menschen) kümmert, interessiert sich die Neuropsychologie für Störungen dieser Informationsverarbeitung in Folge von Hirnschädigungen.

Die Neurowissenschaft verwendet Verhaltensdaten und MRT, etc.

Die Neuropsychologie gibt die Themen/Probleme vor, die die Neurowissenschaft untersuchen soll.

Warum wurde der Behaviorismus (das behavioritische Paradigma) durch das kognitivistische Paradigma abgelöst?

Der Behaviorismus wurde deshalb vom kognitivistische Paradigma abgelöst, weil der Behaviorismus die Psychologie lediglich als Reiz-Reaktions-Schema gesehen hat und mentale Prozesse komplett ausgeblendet hat, die es aber (mittlerweile nachweislich) gibt.

Was bedeutet Bottom-up-Verarbeitung?

Zuerst ist ein Reiz von außen da (bottom), der dann vom Gehirn verarbeitet wird (up).

Was bedeutet Top-down-Verarbeitung?

Zuerst existiert ein Ziel / eine Erwartung im Gehirn (top), welches dann in der Außenwelt umgesetzt wird (down).

Was ist der klassische Informationsverarbeitungsansatz?

Ein heuristisch (methodisch) fruchtbares, aber zu stark vereinfachtes „Computermodell“ des menschlichen Geistes – nämlich eine serielle Abfolge von funktional getrennten, modularen Verarbeitungsstufen (bottom up):

Reiz > Wahrnehmung > Aufmerksamkeit > Denken > Entscheidung > Reaktion

Was ist daran falsch? Ist die Informationsverarbeitung nicht vereinfacht-modular?

Siehe „Moses-Illusion“ bei der Frage, „Wie viele Tiere einer Gattung nahm Moses mit auf seine Arche?“

Hier müsste eigentlich ein Einspruch erfolgen (wg. Noah), aber die Erwartung (top down – das starke Vorwissen über Tiere und Arche) überstimmt den eigentlichen Input, die semantische Information, dass es um Moses geht.

Es ist also keine Modularität wie im Informationsverarbeitungsansatz, sondern eine Interaktivität zwischen den Teilprozessen der Informationsverarbeitung.

Darüber hinaus ist auch nur so eine parallele Informationsverarbeitung bei komplexen Aufgaben (z. B. auch psychomotorischen Aufgaben: Schach, Tennisaufschlag, Lesen von Texten) zu erklären. Die Prozesse müssen in beide Richtungen ablaufen können (top down und bottom up).

Was ist das wesentliche Werkzeug der kognitiven Psychologie?

Kognitionspsychologische Experimente, bei denen insbesondere die Reaktions-/Antwortzeit ein Indikator für den Verarbeitungsaufwand und die Antwortkorrektheit ein Indikator für Art/Komplexität der Verarbeitungsprozesse sind. Sowie fMRI-Daten.

Welche ist die Standardmethode zur Untersuchung des semantischen Gedächtnisses?

Die „Lexikalische Entscheidung“.

So wird z. B. getestet ob das mentale Lexikon nach der Bedeutungsähnlichkeit von Wörtern organisiert ist, indem zuerst ein Wort zur Voraktivierung (Priming) gezeigt wird, woraufhin sich der Leser entscheiden muss, ob es sich bei beiden Wörtern (gezeigt wird echt/echt-sinnähnlich, echt/echt-sinnabweichend, echt/fiktiv, fiktiv/fiktiv) um echte Wörter handelt oder nicht. Je länger die Antwortzeit desto „weiter entfernt“ sind die Wörter voneinander.

Auf welchen Annahmen basiert Eyetracking?

Eye-mind assumption, also dass das, was angesehen wird, auch im Zentrum der kognitiven Verarbeitung steht, sowie Immediacy assumption, also dass die wahrgenommene Information sofort verarbeitet wird.

Dies lässt z. B. durch Dauer der Betrachtung einen Rückschluss auf die Kompexität der kognitiven Prozesse zu.

Was ist das Problem bei Introspektion? Warum ist Introspektion nur bedingt geeignet zur Erfassung kognitiver Prozesse?

Aufgabe z. B.: „Verfolgen Sie die Entstehung Ihrer Gedanken, während Sie folgende Fragen so schnell wie möglich beantworten…“

Problem: Schnelle, routinierte und/oder unbewusste Prozesse sind nicht erfassbar.

Das, was erfasst werden soll, kann durch Introspektion beeinflusst/verzerrt werden (Reaktivität – d. h. es kommen zusätzliche Prozesse in Gang die den „normalen Ablauf“ stören).

Wo wird „Lautes Denken“ eingesetzt?

(Lautes Denken: Alles aussprechen, was einem während der Bearbeitung einer Aufgabe in den Sinn kommt.)

Wenn die kognitiven Prozesse langsam und mit bewussten Inhalten ablaufen, z. B. beim Verstehen von Handlungsanweisungen in einer Montageanleitung, ist die Auswertung des Protokolls geeignet, entweder Texte zu optimieren. In Bezug auf die wissenschaftliche Forschung aber eher dazu gedacht, zu verstehen, was währenddessen (während ein Problem gelöst, ein Text verstanden werden soll) im Kopf passiert.

Vorteil gegenüber Introspektion: Versuchsperson muss nicht gleichzeitig analysieren.

Wie sehen Computermodelle der Kognition aus?

Sie simulieren menschliche kognitive Leistungen, die man dann mit den Ergebnissen menschlicher Versuchspersonen vergleicht. Je ähnlicher, desto besser arbeitet das Modell.

ACT-R arbeitet z. B. mit expliziten IF-THEN-Regeln.

Wie funktioniert das Interaktive Aktivationsmodell?

Z. B. beim „Scrambled-Text Effect“ aktiviert der Anfangsbuchstabe eines Wortes alle entsprechenden Worte und hemmt alle anderen (bottom up).

Oder wir „scannen“ z. B. nach bestimmten Worten in einem Text, aktivieren also alle Buchstaben des Wortes, und hemmen alle anderen (top down). Dadurch wird das Auffinden des Wortes erleichtert.

Welche methodischen Probleme gibt es?

Verhaltensdaten ermöglichen nur indirekte Rückschlüsse auf zugrunde liegende kognitive Prozesse. Darüber hinaus gibt es viele Teilprozesse, die schwierig einzeln/rein zu erfassen sind.

Dennoch können kognitive Prozesse wissenschaftlich untersucht werden, auch wenn sie nicht direkt beobachtbar sind.

Welche Lösungsmöglichkeiten gibt es dafür?

Geschickte Manipulation/Abänderung der Experimente, Kombination verschiedenartiger Verhaltensdaten, Zusammenarbeit mit Neurowissenschaften/-psychologie.

Welche Methoden gibt es, Gehirnaktivität zu untersuchen?

1. Einzelzellableitung (single cell recording) mit Mikroelektroden, räumlich/zeitlich sehr präzise (kein übergreifendes Bild)
2. Ereigniskorrelierte Potentiale (event related potentials, EKP/ERPs), Messung der Aktivität im cerebralen Cortex auf Kopfhaut mit Elektroden, zeitlich genau, räumlich geringe Auflösung
3. Positronen-Emissions-Tomographie (PET)
4. Funktionale Magnet-Resonanz-Tomographie (fMRT/fMRI)
5. Transkraniale Magnet-Stimulation (TMS)

Welche Methoden verwendet die Neuropsychologie?

Wenn bestimmte kognitive Funktionen bestimmten Bereichen des Gehirns zugeordnet sind, müsste eine Schädigung des Bereichs den Ausfall der kognitiven Funktion und umgekehrt zur Folge haben.

Beispiel anhand der „doppelten Dissoziation“:

1. Broca-Aphasie: Sprachverständnis normal, Sprachproduktion gestört.
2. Wernicke-Aphasie: Sprachverständnis gestört, Sprachproduktion normal.

(…)

Was ist die Grundannahme der Gestaltpsychologie?

Nicht nur Elemente, sondern auch ihre Beziehungen untereinander beeinflussen die Wahrnehmung von Objekten.

Welches ist das wichtigste Gestaltprinzip?

Das Gesetz der guten Gestalt (Prägnanzgesetz).

Was besagt das Prägnanzgesetz?

Wenn ein Reiz auf verschiedene Weise gruppiert werden kann, wird sich diejenige Organisation durchsetzen, die die beste, einfachste, und stabilste Form hat.

Welche Gesaltprinzipien gibt es?

1. Gesetz der Nähe
2. Gesetz der Ähnlichkeit
3. Gesetz des guten Verlaufs
4. Gesetz der Geschlossenheit

(…)

Welche zwei Funktionen erfüllt die Aufmerksamkeit?

1. Wählt aus der Umwelt wahrgenommene Informationen aus der Umwelt zur weiteren kognitiven Verarbeitung aus.
2. Weist kognitive Ressourcen zu gleichzeitig auszuführenden Aufgaben zu.

Welche Modi/Formen der Aufmerksamkeit gibt es?

Modi:

1. Aktiver/endogener Aufmerksamkeitsmodus, top down, Auswahl von Informationen auf Basis von Zielen/Erwartungen.
2. Passiver/exogener Aufmerksamkeitsmodus, bottom up, automatische Auswahl von Informationen, weil von externen Reizen angestoßen.

Formen:

1. Fokussierte/selektive Aufmerksamkeit
2. Geteilte Aufmerksamkeit (multi tasking)

Wichtig vor allem für visuelle und auditorische Aufmerksamkeit/Wahrnehmung.

Was ist das Cocktail-Party-Phänomen?

Im Stimmengewirr die Aufmerksamkeit auf den Gesprächspartner zu richten funktioniert, weil physikalische Unterschiede genutzt werden (Stimmlage, Lautstärke, Position im Raum).

Wie funktioniert das Cocktail-Party-Phänomen (zwei Theorien)?

Broadbents Filtertheorie: Informationen kommen ins sensorische Register (großer Speicher, <0,5s Speicherdauer), werden anhand physikalischer Merkmale gefiltert, dann im Kurzzeitgedächtnis weiterverarbeitet. Zweck: Kapazitätsüberlastung verhindern. Problem: Teils unterbewusst (negativ besetzte Wörter) und eigener Name (zu 1/3 der Fälle) etc. werden dennoch wahrgenommen. Vermutung: Filterkonzept findet nicht immer Anwendung, Gesamtprozess muss also flexibler sein.

Treismans Dämpfungstheorie: Abschwächung von für aktuelle Ziele irrelevanten Informationen. Kann auf allen Ebenen stattfinden: nach physikalischen Eigenschaften, Stimmklang/Phonologie, Wortsinn/Semantik. Vorteil: Flexibler, denn auch nicht im Fokus stehende Informationen werden „in geringerer Intensität“ weiterverarbeitet, und können bewusst werden, wenn sie den „Schwellenwert“ überschreiten.

Wie funktioniert visuelle Aufmerksamkeit?

Um Überlastung des kognitiven Systems zu vermeiden, ist die visuelle Wahrnehmung selektiv. Das heißt es werden nur bestimmte Teile der über die Retina aufgenommenen und an den visuellen Cortex weitergeleiteten Informationen intensiv/bewusst weiterverarbeitet. Siehe z. B. Unaufmerksamkeitsblindheit.

Warum wird die visuelle Aufmerksamkeit mit einem Scheinwerfer / Zoom-Objektiv verglichen?

Enge/Breite und Fokus der Aufmerksamkeit kann flexibel verändert und auf neue Objekte gerichtet werden.

Beispiel: Autofahren Fokus breit, Gefahrensituation Fokus eng.

Methodik: Buchstabe an bestimmter Stelle vs. Buchstabe irgendwo. Bei „narrow focus“ auf bestimmter Stelle erfolgt Reaktion schneller.

Was ist der Effekt der „Hemmung der Rückkehr“ (inhibition of return)?

Wir tasten unsere visuelle Umgebung ständig ab. Für kurz zuvor beachtete Regionen/Objekte ist die Wahrscheinlichkeit gering, dass wir sie nach kurzer Zeit erneut treffen (100-300 ms).

Dient der Vereinfachung (Effizienzsteigerung), damit Aufmerksamkeit nicht ständig zur selben „Stelle“ einer komplexen „Szene“ hingezogen wird.

Welche zwei Aufmerksamkeitssysteme gibt es?

Was ist ein visueller Neglect?

Obwohl das visuelle System intakt ist, kann jemand mit visuellem Neglect nicht Reize wahrnehmen, die auf der gegenüberliegenden Seite der geschädigten (meist rechten) Hirnhälfte/Hemisphäre liegen.

Was passiert mit nicht-beachteten visuellen Informationen?

Patienten mit visuellem Neglect zeigen starke Voraktivierung (Priming) von semantisch assoziierten Bildern im linken Gesichtsfeld, obwohl sie diese nicht (bewusst) sehen können. Dies spricht für teilweise und unbewusste Weiterverarbeitung.

(…)

Was ist das Mehrspeichermodell des Gedächtnisses?

Nach dem Mehrspeichermodell kommt die Information aus der Umwelt zuerst in das Ultrakurzzeitgedächtnis (Sensorischer Speicher/Sensorisches Register/Sensorisches Gedächtnis/Sensorischer Puffer), wo sie nach <0,5s zerfallen. Ein kleiner Teil wird dann – wenn mit Aufmerksamkeit versehen – weiterverarbeitet und kommt ins Kurzzeit-/Arbeitsgedächtnis, nach memorieren/wiederholen/rehearsal auch ins Langzeitgedächtnis.

D. h. hier sind Kurzzeitgedächtnis und Langzeitgedächtnis voneinander getrennte Systeme (darum „Mehrspeichermodell“).

Welche Eigenschaften hat der Sensorische Speicher?

Bis zu 16 Buchstaben „große“ Kapazität, visuelle Kodierung, rascher Zerfall von Informationen, leichte Interferenz durch ebenfalls visuelle Reize.

Versuch dazu: Sperlings drei Buchstabenreihen mit Ton, welche Zeile wiedergegeben werden soll.

Wie ist die Kapazitätsbegrenzung des Arbeitsgedächtnisses?

Laut Miller 7±2 Informationseinheiten/Chunks.

Was ist Chunking?

Gruppierung. Chunks im Speziellen sind bedeutungsvolle Gruppen von Informationseinheiten und darum jeweils als Einzeleinheiten leicht merkbar und dann in Kombination ebenfalls leicht zusammenfassbar wiedergebbar.

Wie sähe ein Einspeichermodell aus?

Im Kurzzeitgedächtnis (KZG) würde eine temporäre Aktivierung von Inhalten aus dem Langzeitgedächtnis (LZG) erfolgen.

KZG: Was ist der Primacy-/Recency-Effekt?

Die 2-3 zuerst (primacy, gut erinnert) bzw. zuletzt (recency, sehr gut erinnert) gelernten Wörter werden von einer Liste an Wörtern am besten erinnert. Der Recency-Effekt verschwindet allerdings bei Pause vor der Erinnerung/Wiedergabe.

Recency-Effekt: Direkt aus Kurzzeitspeicher (KZG), aber Langzeit-Recency-Effekt ebenfalls möglich und widerspricht dem „schnellen Verblassen“. Erklärung hierfür vermutlich die mehrmalige Wiederholung/Beschäftigung mit den Inhalten z. B. mit Büchern aus 2010 vs. 2009, während die Liste der Wörter beim Kurzzeit-Recency-Effekt nur kurz präsentiert wurde und darum noch nicht im LZG ist.

Kurz: Kürzlich erworbene Erinnerungen sind besser unterscheidbar im Gedächtnis (Strommasten-Effekt: in der Ferne „verschwimmen“ die Masten).

KZG: Was ist der Peterson-Effekt?

Zerfall des Erinnerungsvermögens mit zunehmender Dauer zwischen Lern- und Testzeitpunkt.

KZG: Welche Erklärungsmöglichkeiten gibt es für den Peterson-Effekt?

1. Zerfall der Gedächtnisspur im separaten KZG.
2. Interferenz: Zwischenzeitlich gelernte weitere Informationen stören den Gedächtnisabruf.

Da der Peterson-Effekt beim ersten Durchgang nicht auftritt (oder bei Wörtern verschiedener Kategorien) ist dies ein starker Indiz für LZG und Interferenz.

Ist das Einspeicher- oder das Mehrspeichermodell logischer?

Eine strikte Trennung von KZG und LZG ist nicht sinnvoll, da diese sich gegenseitig beeinflussen (interagieren).

Was spricht für die Unterscheidung von KZG und LZG?

Doppelte Dissoziationen (Neuropsychologie): D. h. ein Gehirnteil ist gestört, z. B. KZG oder LZG. Kann getrennt voneinander gestört sein, muss also getrennt voneinander existieren.

Was ist das Arbeitsgedächtnismodell (KZG) von Baddeley?

Die zentrale Exekutive steuert die Aufmerksamkeit (speichert nichts) und verbindet phonologische Schleife (innere Sprache, verbale/“gelesene“ Informationen), episodischer Puffer (Verbindung zum LZG, Integration der Subsysteme), visuell-räumlicher Notizblock (inneres Auge).

Heuristisch fruchtbar, aber nicht ganz adäquat, da KZG und LZG miteinander interagieren und nicht getrennt sind.

Subsysteme im KZG: Was ist das Zweitaufgaben-Paradigma?

Wenn zwei Aufgaben auf die selbe Komponente im KZG/Arbeitsgedächtnis zugreifen, kommt es zu wechselseitigen Störungen (Interferenzen). Das ist nicht der Fall wenn unterschiedliche Komponenten betroffen sind.

Was ist die phonologische Schleife?

Hält verbale Informationen (auch visuell aufgenommene/“vorgesprochene“) temporär vor.

(Inneres Vorsprechen/Rehearsal frischt Gedächtnis auf, sog. Artikulatorischer Kontrollprozess. Ansonsten zerfallen Inhalte nach kurzer Zeit.)

Wie wirkt sich phonologische Ähnlichkeit auf die Erinnerung aus?

Schlecht. Je unähnlicher Phonologie und Bedeutung, desto besser zu merken, je ähnlicher Bedeutung und vor allem je ähnlicher Phonologie (Klang) desto schlechter sind Wörter zu merken.

(Belegt phonologische Kodierung sprachlicher Informationen. Ähnliche Wörter werden beim Auslesen aus dem KZG verwechselt.)

Was bewirkt der Wortlängeneffekt?

Mit zunehmender Wortlänge sinkt die Erinnerungsleistung. Kapazität der phonologischen Schleife beträgt ca. 2 Sekunden.

Woraus besteht der visuell-räumliche Notizblock?

Der visuell-räumliche Notizblock besteht aus Visuellem Kurzzeitspeicher (Informationen über Form und Farbe) sowie dem Inneren Schreiber, der räumliche und Bewegungsinformationen verfügbar hält (äquivalent zum Rehearsal-Prozess).

Was macht die Zentrale Exekutive?

Die zentrale Exekutive steuert die Aufmerksamkeit (speichert nichts) und verbindet phonologische Schleife (innere Sprache, verbale/“gelesene“ Informationen), episodischen Puffer (Verbindung zum LZG, Integration der Subsysteme) und visuell-räumlichen Notizblock (inneres Auge).

Steuert Abruf aus LZG (über Episodischen Puffer), plant/steuert Aufmerksamkeit bei mehreren Aufgaben (multi-tasking, Aufmerksamkeitswechsel zwischen Aufgaben), Aufmerksamkeitsfokussierung auf bestimmte Aufgaben (Cocktail-Party-Phänomen).

Wie funktioniert die Aufmerksamkeitskontrolle/-steuerung der Zentralen Exekutive?

Auf zwei Arten: Als halbautomatisches, routiniertes System (Aufmerksamkeitsverteilung effizient und unbewusst zwischen konkurrierenden Aufgaben) und oder als überwachendes Aufmerksamkeitssystem (supervisory attentional system, SAS, zentrale Exekutive) bei neuartigen, ungeübten Situationen.

Was macht der Episodische Puffer?

Integriert Informationen aus visuell-räumlichem Notizblock und phonologischer Schleife. Interagiert mit LZG (z. B. für Chunking).

Was ist Explizites Lernen?

Zielgerichteter, bewusster Erwerb von Wissen.

Was sind die Ebenen der Verarbeitungstiefe beim Lernen (levels of processing)?

Zuerst wird oberflächlich (sensorisch) verarbeitet, später tief (semantisch, bedeutungsbezogen).

Je tiefer die Verarbeitung, umso stabiler/stärker die Erinnerung. (Kann auch durch Rehearsal vertieft werden.)

Welche Arten der Rehearsal-Wiederholung gibt es?

Reines Wiederholen (als Aufrechterhalten der Erinnerung) und Elaboratives Wiederholen mit semantischer und vorwissensgestützter Analyse (Interpretation) des Lernmaterials. Letzteres führt zu besseren Erinnerungsleistungen als reines Rehearsal.

Was ist die transfer-angemessene Verarbeitung?

Wenn auf semantische (tiefe) Verarbeitung geprüft wird muss semantisch tief verarbeitet worden sein. Wenn oberflächlich geprüft wird sollte oberflächlich verarbeitet worden sein.

D. h. die Art der Verarbeitung (beim Kodieren) sollte der Art des Gedächtnistests (Reproduktion) entsprechen, um gute Leistungen zu erzielen. D. h. wenn die beiden Arten Enkodieren/Reproduzieren nicht zusammenpassen werden bei einem entsprechenden Test schlechte Leistungen erzielt.

Man sollte beim Lernen also die Abrufsituation mitbedenken, da der Lerntransfer auf neue Situationen (andere Aspekte, bestimmte Anwendungsweisen, etc.) ansonsten schwierig ist.

Was ist Implizites Lernen?

Unbewusstes, beiläufiges Lernen. Das Bewusstsein darüber, dass und was gelernt wurde, fehlt sowohl beim Lernen als auch bei der Anwendung.

Es gibt zwar impliziertes Lernen (Belege aus der Neuropsychologie), aber ob explizites und impliziertes getrennt sind ist fragwürdig (graduelle Unterscheidung eher plausibel).

Was ist Vergessen?

Kontinuierliche Abnahme der Erinnerungsleistung.

Starke Abnahme der Lern-/Behaltenskurve unmittelbar nach Lernvorgang, dann allmähliche Abflachung der Lernkurve.

Handelt es sich beim Vergessen um Zerfall oder um Interferenz?

Scheinbar Vergessenes fällt einem später wieder ein, einmal Gelerntes kann schneller wieder aufgefrischt werden. Darum eher Interferenz.

Der Interferenztheorie zur Folge ist z. B. 9/11 mit einem starken Abrufreiz assoziiert/versehen und darum besser abrufbar. 9/13 dagegen nicht.

Interferenz steigt mit Ähnlichkeit der zu lernenden Informationen und mit zunehmender Anzahl/Stärke der konkurrierenden Assoziationen.

Vergessen ist meistens hinweisreizabhängiges Vergessen, d. h. die Information ist im LZG vorhanden, aber ein passender Hinweis-/Abrufreiz fehlt. Eher selten spurenabhängiges Vergessen (Zerfall, Information nicht mehr im LZG vorhanden).

Was ist Proaktive Interferenz?

Vorauswirkende Hemmung/Interferenz. Die Erinnerungsleistung für eine Liste an Wörtern verschlechtert sich mit der Anzahl der bereits zuvor gelernten Listen. Anders ausgedrückt: Die Störung von später Gelerntem durch früher Gelerntes. Beispiel: Wir wollen ausnahmsweise („neuer“) einen anderen Weg als den alltäglichen („alten“) Weg zur Arbeit nehmen.

Was ist Retroaktive Interferenz?

Rückwirkende Hemmung/Interferenz. Später Gelerntes führt mit zunehmender Einübung zu „Vergessen“ von früher Gelerntem. Beispiel: Wir lernen eine neue Kontonummer und „vergessen“ dabei die alte (stören den Abruf).

Was versteht man unter Enkodierungsspezifität?

Nach Tulving besagt das Prinzip der Enkodierungsspezifität, dass die Wahrscheinlichkeit, eine Teilinformation zu erinnern, mit dem Grad der Informationsüberlappung in der Lern- und Abrufsituation steigt.

Es könnte also in einer Prüfungssituation Hinweisreize (externale wie internale) geben, welche an die Lernsituation erinnern und damit als Abrufreiz dienen.

D. h. es macht Sinn, Lern- und Abrufkontext möglichst ähnlich zu „gestalten“.

Dieser Effekt ist gut belegt.

Fördert der Abruf aus dem LZG die Lernleistung?

Wiederholte Testung von Vokabeln (nicht: wiederholte Präsentation) verbessert die Behaltensleistung.

Effekt von Präsentation und Testung ist genau der gleiche wie nur Testung ohne Präsentation.

Explizites Gedächtnis: Was ist das Episodische Gedächtnis?

Hier werden Informationen mit Zeitbezug gespeichert, also eine mentale Zeitreise ermöglicht (wann ist etwas wo geschehen).

Explizites Gedächtnis: Was ist das Semantische Gedächtnis?

Hier wird allgemeines Wissen über die Welt, allgemeine generische Fakten, Wortbedeutungen, etc. gespeichert.

Ist das Episodische Gedächtnis die Vorstufe zum Semantischen Gedächtnis?

Da der Lernzeitpunkt/-ort erstmal erfahrbar ist, und weil semantisches Wissen/Gedächtnis durch Abstraktion aus Einzelerfahrungen entsteht, durchaus. Allerdings geht dieser Lernkontext mit der Zeit verloren und es bleibt die semantische Information.

Das semantische Gedächtnis kann aber möglicherweise auch ohne den Umweg über das episodische Gedächtnis aufgebaut werden, z. B. wenn man vertieft in seine Gedanken zu neuen Einsichten gelangt.

(…)

Wie wird Wissen im LZG kodiert?

Nach der Bedeutung von Informationen (siehe semantisches Gedächtnis).

Was bedeutet Ökologische Validität?

Generalisierbarkeit/Übertragbarkeit von Laboruntersuchungen auf das Alltagsgeschehen.

Welche Ziele hat die kognitionspsychologische Gedächtnisforschung im Alltag?

Alltagsrelevante Gedächtnisphänomene zu erforschen mit ökologischer Validität als Kriterium, d. h. dass diese Laborexperimente auf die Lebenswelt übertragbar sind, und zwar werden diese Daten in naturalistischen Settings (im “Feld”) erhoben statt im psychologischen Labor.

So stellt sich die Forschung zum Gedächtnis im Alltag die Frage, wie wahrheitsgetreu unsere Erinnerungen an Ereignisse sind, die tatsächlich passiert sind (Übereinstimmungsmetapher).

Die traditionelle Gedächtnisforschung hingegen stellt sich die Frage, wie viele Informationen wir erinnern können (Lagerhausmetapher).

Welche “Merkmale” haben alltagsrelevante Erinnerungen?

Alltagsrelevante Erinnerungen sind zielgerichtet und zweckgebunden, beeinflusst von der individuellen Persönlichkeit, ihrer Entwicklung und ihrer Lerngeschichte, und beeinflusst von den Anforderungen der Situationen (wie z. B. Klausursituation vs. Konversation).

Was bestimmt (mit), ob und wie wir etwas erinnern?

Unsere persönlichen Ziele.

Welche Aspekte müssen gegeben sein, damit Gedächtnisuntersuchungen ökologisch valide sind (übertragbar/generalisierbar)?

1. Repräsentativität (“Wie alltagsnah sind Untersuchungssituation, experimentelle Stimuli und Aufgaben?”)
2. Verallgemeinerbarkeit (“Wie aussagekräftig sind Forschungsergebnisse für alltagsnahe Gedächtnisphänomene?”)

Laborexperimentelle Gedächtnisforschung ist zwar oft wenig repräsentativ, aber verallgemeinerbar. Labor und Alltag sind zwei Aspekte der gleichen kognitiven Leistung.

Was ist das Autobiographische Gedächtnis?

Das autobiographische Gedächtnis ist eine Teilmenge des episodischen Gedächtnisses, bei dem das Selbst(konzept) die wesentliche Abrufstruktur ist.

Das autobiographische Gedächtnis für die Ereignisse des eigenen Lebens, insofern diese für die eigene Lebensgeschichte und die persönlichen Ziele relevant sind.

Da das Autobiographische Gedächtnis aber relevant für die persönlichen Ziele ist, eine identitätsstiftende Funktion hat (Selbstbezug), als Abruf- und Organisationsstruktur für andere episodische Erinnerungen dient, und größere Zeiträume und komplexere Ereignisse speichern kann ist es jedoch qualitativ hervorgehoben.

Reminiscence Bump (“Erinnerungsbuckel”): An welche Lebensphasen erinnern sich 70-Jährige und warum?

An kürzlich zurückliegende Ereignisse (61-70 J.) sowie ins Besondere an jene im Alter zwischen 15 und 30 Jahren.

Warum? Zwei Gründe:

1. Stabilität und Neuartigkeit von Erinnerungen, da sich in der Adoleszenz und im frühem Erwachsenenalter ein stabiles Selbstkonzept ausbildet (vgl. kognitive Organisationsstruktur). Außerdem sind viele Ereignisse neuartig, d. h. die Erinnerungen sind klar unterscheidbar und die proaktive Interferenz ist gering.
2. Positive Erinnerungen und lebensgeschichtlich relevante Entscheidungen, die die eigene Entwicklung deutlich und positiv beeinflusst haben, sind am stärksten. Diese gibt es in der Adoleszenz und im frühen Erwachsenenalter besonders häufig.

Was ist Infantile Amnesie und wie kommt sie zustande?

Infantile Amnesie besagt, dass nur 1,1 Prozent der Erinnerungen an Ereignisse aus den ersten 10 Lebensjahren aus den ersten 3 Lebensjahren stammen. Dieses Phänomen ist sehr stabil/robust.

Drei Gründe:

1. Biologische Faktoren: Hippocampus, der für Enkodierung/Konsolidierung neuer Erinnerungen zuständig ist, entwickelt sich noch stark.
2. Kognitive Faktoren: Das stabile Selbstkonzept entwickelt sich erst mit 2 Jahren (erst wenn sie sich selbst erkennen können, beginnen Kinder zwischen 15 und 23 Monaten, sich zuverlässig an Ereignisse zu erinnern). Beispiel: 2-3 Jährige können Erinnerungen an 12 Monate alte Ereignisse nur mit den Wörtern beschreiben, die sie zum Zeitpunkt des Ereignisses bereits kannten.
3. Sozio-kulturelle Faktoren: Eltern sprechen unterschiedlich intensiv mit ihren Kindern über vergangene Ereignisse. Dadurch variiert der Elaborationsgrad (“Erinnerungskultur” und dadurch vertiefte Informationsverarbeitung) mit kulturellem Kontext und hiermit korreliert auch die Ausprägung des autobiographischen Gedächtnisses.

Folge: Früher Einfluss auf das autobiographische Gedächtnis.

Was ist der Selbstreferenzeffekt bei episodischen Erinnerungen?

Der Selbstreferenz-Effekt besagt, dass Informationen mit Bezug zum eigenen Selbst besser erinnert werden als vergleichbare Informationen ohne Selbstbezug.

Gründe:

Im LZG gibt es ein Selbstschema, also eine (Abruf-)Struktur, die Wissen mit Bezug zur eigenen Person organisiert. Dieses Selbstschema wird aktiviert durch Urteile/Aussagen, die auf die eigene Person bezogen sind.

Beispiel: Geburtstage werden besser erinnert, je näher sie um den eigenen Geburtstag herum liegen.

Was ist Conways Modell/Theorie vom autobiographischen Gedächtnis? Wie ist das Autobiographische Gedächtnis strukturiert?

Das Autobiographische Gedächtnis ist in ein Arbeitsselbst (working self) und eine Autiobiographische Wissensbasis geteilt:

Das Arbeitsselbst enthält die aktuellen persönlichen Ziele und Möglichkeiten und bestimmt damit, welches autobiographische Wissen zugänglich ist.

Die Autobiographische Wissensbasis enthält das Wissen über die eigene Person, und zwar hierarchisch strukturiert: Lebensgeschichte (allgemeine Fakten und Bewertungen über die eigene Person), Lebensthemen, Lebensphasen, Allgemeine (generische) Ereignisse, Erinnerungen an einzelne Ereignisse.

Welche Formen des autobiographischen Erinnerns gibt es?

1. Generatives Erinnern (generative retrieval): Aktives, willentliches, rekonstruktives Erinnern (auch: auf bestimmte Fragen). Stark durch die persönlichen Ziele des Arbeitsselbst beeinflusst. Leicht verfälschbar. (Beispiel: Wie sind Sie dazu gekommen, Psychologie zu studieren?)
2. Direktes Erinnern (direct retrieval): Konkrete autobiographische Erinnerungen an konkrete Ereignisse, automatisch (unwillkürlich) durch Hinweisreize aktiviert, eher auf spezifische Ereignisse bezogen. (Beispiel: Nachricht im Radio in der das Wort “Barcelona” vorkommt, löst Erinnerung an Ereignis im Urlaub aus.)

Das generative Erinnern ist stark von der eigenen Persönlichkeitsstruktur (vom Arbeitsselbst) bestimmt.

(Empirischer Beleg aus der Neuropsychologie: Retrograde Amnesie. Spezifische Lebensereignisse werden nicht mehr erinnert, aber die Inhalte der allgemeinen Lebensgeschichte oder übergreifender Lebensthemen schon.)

(Willkürliche autobiographische Erinnerungen unterscheiden sich je nach Persönlichkeitstyp: Der Handlungsorientierte (agentic) legt seinen Fokus auf Unabhängigkeit, Leistung und Macht und erinnert auch überwiegend derartiges. Der Beziehungsorientierte (communal) legt seinen Fokus auf wechselseitige Abhängigkeit und Ähnlichkeit mit anderen Menschen und erinnert überwiegend derartiges.)

Augenzeugengedächtnis und Rekonstruktives Erinnern: Was ist Verzerrung durch nachträgliche Informationen?

Erinnerungen können durch Informationen verzerrt werden, die erst nach dem fraglichen Ereignis gegeben wurden.

Antwortverzerrung: So kann die Art der Frage Informationen “einstreuen”, z. B. nach einer Woche Fragen ob zerbrochenes Glas in einem Unfallvideo gesehen wurde, wenn die Frage in der Woche davor lautete “about how fast were the cars going when they “hit”/“smashed” each other”? (Bei “smashed” wesentlich öfter vermeintlich zerbrochenes Glas gesehen.)

Augenzeugengedächtnis und Rekonstruktives Erinnern: Was ist der Bestätigungs-/Confirmation Bias?

Informationen, die mit eigenem Vorwissen übereinstimmen, werden fälschlicherweise wiedererkannt.

Beispiel: Sind Szenen z. B. eines Bankraubvideos eindeutig (Mann, Waffe), ist die Erinnerung besser. Sind die Szenen mehrdeutig (Geschlecht wegen Maske nicht zu erkennen, Hand in Tasche aber keine Waffe zu sehen) werden die Informationslücken häufig einfach im Sinne eines “Bankraub-Schemas” durch vermeintliches “Vorwissen” (unbewusste Spekulation, innere Überzeugungen, etc.) und damit falschen Angaben/Aussagen/Informationen aufgefüllt.

Das Augenzeugengedächtnis ist äußerst anfällig für Verzerrungen und andere Gedächtnisfehler.

 

19.06.2014

Introvertierte und Extravertierte

Von , Nürnberg
 

Wozu haben Extravertierte einen Anrufbeantworter? Um keinen Anruf zu verpassen. Und Introvertierte? Um niemals ans Telefon gehen zu müssen.

Introvertierte neigen leider dazu, sich selbst als außergewöhnlich zurückgezogen zu betrachten, obwohl sie es gar nicht sind. Das hat zwei Gründe: Sie sind reflektierend und fokussierend. Das heißt sie denken, bevor sie sprechen, also insbesondere dann, wenn sie gerade nicht sprechen, was wesentlich häufiger vorkommt als dass sie sprechen, und sie sind fokussiert, das heißt sie gehen mehr in die Tiefe, bleiben an einem Problem dran. Außerdem sind sie Alleintäter, die aus dem Alleinsein Energie schöpfen, und darum logischerweise mit viel weniger Gleichgesinnten vernetzt sind als ihre extravertierten Kollegen.

Extravertierte wiederum sind verbal, das heißt sie denken, indem sie sprechen, sind expansiv, das heißt sie gehen thematisch mehr in die Breite, und sie sind Gruppentäter, die aus der Gesellschaft mit anderen Energie schöpfen.

Als ich hierüber nachgedacht habe, ist mir klar geworden, wie sich wohl ein Extravertierter fühlt, wenn er einem Introvertierten gegenüber steht. Wahrscheinlich genau wie ich, wenn ich einem Extravertierten gegenüber stehe.

Als Introvertierter denke ich mir zum Beispiel oft:

Der Extravertierte denkt sich bei Introvertierten wie mir wahrscheinlich:

Aufgrund ihres “Minderheitsgefühls” fühlen sich Introvertierte also seltsam, obwohl sie in Wahrheit Extravertierte als genauso seltsam wahrnehmen. Dabei sollen Introvertierte mit 50 bis 70 % der Menschheit sogar die Mehrheit ausmachen, während etwa 30 bis 50 % extravertiert sein sollen.

Der Introvertierte ist also nicht “falsch”, er wird nur manchmal von gegensätzlichen Charakteren als etwas eigenartig empfunden, aber das gilt umgekehrt genauso, wenn man mal genau hinschaut. Nur sind Extravertierte durch ihre “Umtriebigkeit”, ihr häufigeres In-Erscheinung-treten besser vernetzt und haben darum mehr den Eindruck, dass ihre Art die “normale” ist, und insbesondere Introvertierte bekommen den Eindruck, weil sie die vielen Introvertierten, die einfach außen rum stehen oder sitzen und nichts sagen (oder gleich zu Hause bleiben) nicht so deutlich wahrnehmen wie die Extravertierten, die aufstehen und reden.

Verschlimmert wird dieser falsche Eindruck noch durch Medien, denn denen ist eigen, dass sie glauben, keine Zeit zu haben für die Realität, oder aber, dass sie einfach denken, die Realität ist nicht spannend genug, und darum sieht man überall nur hyperkommunikative Extravertierte, die eine große Show abziehen: im Fernsehen, im Radio, im Kino. Und wer sich damit vergleicht, hat natürlich verloren. Das Problem beginnt dann, wenn ein Introvertierter sich die Medien anschaut und glaubt, so müsse er sein, um “normal” zu sein.

Zahlen und unterscheidende Begriffe aus diesem Buch.

 

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