Psychologie

 

09.06.2011

Wie krank sind Menschen ohne Angst?

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Mit einer Amputation der Angst würde auch ein Stück Menschsein abhanden kommen, wie am Beispiel des “soziopathischen” Charakters zu sehen ist. Diesem Typus, häufig auch “Psychopath” oder “antisoziale Persönlichkeit” genannt, fehlt der emotionale Tiefgang.

Es mangelt ihm an zwischenmenschlichen Empfindungen wie Schuld, Scham und aufrichtiger Sorge um den anderen. Getrieben wird er von einer impulsiven Gier nach umgehender Bedürfnisbefriedigung.

Nach außen hin produziert er allerdings oft die perfekte Imitation einer intakten Person. Aber Soziopathen sind “blind” für die negativen Konsequenzen, die ihr Tun langfristig anrichten kann.

Das bestimmende Merkmal des Soziopathen ist seine krankhafte Furchtlosigkeit. Bei Befragungen, in denen lästige, peinliche oder ängstigende Alternativen angeboten wurden, trafen (nur) die Soziopathen immer die (fiktive) ängstigende Wahl.

In einem Experiment, in dem (harmlose) Schocks durch Tonsignale angekündigt wurden, legten sie ein “dickes Fell” an den Tag. Die elektrische Hautreaktion, Zeichen der vegetativen Erregung, betrug bei ihnen fast Null.

Dieses Manko erschwerte ihnen in einem anderen Versuch das räumliche Lernen: Die gleichen Schocks, die normalen Probanden bei der vorgegebenen Lektion auf die Sprünge halfen, fruchteten bei Soziopathen nichts.

Wahrscheinlich beruht die krankhafte Furchtlosigkeit in ihrem Kern auf einem abnorm niedrigen Erregungsgrad des Gehirns. Die Betroffenen haben daher den eingebauten Zwang, ihr Schwachstrom-Nervenkostüm durch Sex, Rausch und antisoziale Aktivitäten zu “elektrisieren”.

Als man Soziopathen mit dem aufputschenden Hormon Adrenalin “unter Strom” setzte, kam es prompt zu einer vorübergehenden “Heilung”: Sie zeigten plötzlich genauso viel Furcht und ein ebenso dünnes Fell wie andere Leute.

Anmerkung: Das Gegenteil scheint auf Hochsensible zuzutreffen. Sie stehen viel mehr unter Strom, brauchen also viel weniger Reize von außen, werden schneller überreizt. Sie sind empfindsamer für die Emotionen anderer und auch für ihre eigenen und demnach auch für ihre Ängste.

Gekürzt. Quelle: Bild der Wissenschaft 12/1995

 

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